Der Fluch

 

Es war eine kristallklare Nacht. Den ganzen Tag über hatte es geschneit und das ganze Land in einen weißen Teppich verwandelt. Die Sterne funkelten am Himmel, und der Frost sorgte dafür, daß alle Tiere im Wald in ihren wärmenden Höhlen waren, und die Menschen an ihrem Kaminfeuer saßen.
Auch beim Ziegenhirten Peter war es nicht anders. Seine Frau stand in der Küche und bereitete das Nachtmahl vor, während er es sich in seinem Schlafsessel gemütlich machte und über den vergangenen Tag nachdachte.
Vor seiner bescheidenen Hütte hörte er Schritte. Durch den tiefgefrorenen Schnee konnte er es genau wahrnehmen, das Knirschen unter den Schuhen, das immer lauter wurde.
„Frau, wir bekommen Besuch“, rief er und schaute erst einmal vorsichtig durch das Fenster. Er konnte aber nichts sehen und ging deshalb neugierig zur Tür. Als er diese vorsichtig öffnete, erschrak er so sehr, daß sofort seine Knie vor Angst zitterten, denn er traute  seinen Augen nicht was er da sah. Vor ihm stand eine große, unheimliche Gestalt, das Gesicht in feinen, dunklen Tüchern gehüllt, den Körper umschlang ein schwarzer Mantel, und in den Händen  hielt sie ein kleines Bündel.
Noch bevor der Peter etwas sagen konnte, warf die Gestalt das Bündel vor seine Füße und lief eiligst mit den Worten davon:

„Himmelsstürme, Mächte der Finsternis und alle Unglücksraben,
diese Brut nenn ich nicht mein, dieses Kind will ich nicht haben“.
Und dann war alles wie ein Spuk vorbei. Schnell rief Peter noch: „Hallo, wer bist du, woher kommst du....“? Aber draußen in der Nacht war alles still und niemand war zu sehen.
Schnell nahm der Peter das Bündel auf und legte es auf den Tisch. „Um Gottes Willen, Frau komm schnell herbei und sieh dir dieses Leid an“. Schnell kam diese angelaufen, und auch ihr stockte der Atem. „Ein Baby, Peter ein Baby, so klein, halb erfroren und so abgemagert. Ich werde schnell ein Süppchen auf dem Herd zubereiten, um ihm ein Fläschchen davon geben“.
Der Ziegenhirte wickelte das Kind in trockene Tücher und legte es behutsam in die Nähe des Kamins, damit es sich aufwärmen konnte. Nachdem seine Frau den Brei zubereitet hatte,  nuckelte der kleine Mann gierig daran und schlief glücklich lächelnd ein.
„Was sollen wir nur machen“, fragte Peters Frau, „wir müssen dem König Michael von unserem unheimlichen Besuch berichten und das Kind zu ihm bringen. Er soll entscheiden, was mit dem Kleinen geschieht, ja vielleicht darf er ja auch im Schloß bleiben und später einmal Hofdiener werden“.
„Nein“, sagte der Peter ganz ernst und nachdenklich, „das ist keine gute Idee. Hast du vergessen, daß unser lieber und guter König genug Ärger und Sorgen hat? Denke nur an seine Schwester, die grausame Taskana....... die mußte er außer Landes jagen, weil sie sich mit den finsteren Mächten zusammengetan hat, ja man spricht sogar hinter vorgehaltener Hand, sie habe ihre Seele dem Teufel versprochen“.
„Ja, du hast wie immer recht“, sagte sie, „nur gut, daß sie hier in unserem Land nicht mehr mitherrschen darf, und unser König ihr das Land hinter den acht Meeren überlassen hat. Weit weg von hier, so brauchen wir keinen Hunger und keine Armut mehr zu erleiden und brauchen uns auch nicht vor den dunklen Mächten zu ängstigen“.
„Frau“, sagte der Peter mit einem leisen Ton, „wir haben uns doch immer Kinder gewünscht, aber der Herrgott hat sie uns verweigert, warum sollten wir den Jungen nicht als unseren eigenen ansehen, ihn lieben und großziehen, damit er ein rechtschaffener und ehrlicher Mensch wird“?
Glücklich umarmten sich die beiden und wollten ihr Geheimnis bis an das Ende ihrer Tage hüten.
Markus, wie sie den Kleinen nannten entwickelte sich prächtig in seiner neuen Familie. Er bekam rote Bäckchen, nahm viele Pfunde zu, und seine kleinen schwarzen Löckchen wippten hin und her, wenn er recht übermütig auf allen Vieren über den Fußboden robbte.
Der Winter und der folgende Frühling waren vergangen, als der König seinen Untertanen die freudige Nachricht zukommen ließ, daß die Königin ihr erstes Kind erwarte. Alle waren in heller Aufregung und freuten sich mit dem
Königshaus. Als das Baby geboren wurde, war das Glück perfekt. Sie hatten eine kleine Prinzessin, der sie den Namen Lisa gaben. Der König und die Königin luden einen jeglichen Bürger zum Fest ein und man tanzte, trank köstlichen Wein, und alle aßen von den auserlesenen Speisen. Sie feierten solange, bis keiner mehr die Kraft hatte auf seinen eigenen Beinen zu stehen und alle müde, aber überglücklich in ihre Betten fielen.
Zwei Jahre sind nun vergangen, als der König, wie er es schon des öfteren tat, seine Untertanen besuchte, um sich ihre Sorgen und Nöte anzuhören. Viel war da nicht zu beklagen, denn den meisten ging es gut, und sie hatten keine Sorgen.
So meldete man ihn auch beim Ziegenhirten, den Peter an.  Er und seine kleine Familie zogen sich ihre Sonntagskleider an und deckten für ihren Gast den Tisch mit allerlei selbstgebackenen Kuchen und anderen Leckereien. Als der kleine Markus seinen König sah, lief er schnell mit ausgebreiteten Ärmchen auf diesen zu, und der nahm den kleinen Mann auf seinen Arm. „Ein wahrlich freundliches Kind hast du“, lachte der König und drehten sich mit dem Jungen im Kreis herum. „Er wäre der richtige Spielkamerad für meine Tochter. Wenn du möchtest, kann dein kleiner Markus jeden Tag zu uns auf das Schloß kommen und mit unserer Lisa spielen. Mein Kutscher wird ihn täglich in den Mittagsstunden bei euch abholen und ihn dir dann wohlerhalten am frühen Abend zurückbringen“. „So soll es sein“, willigten die Eltern ein, und der König bestieg gutgelaunt sein Pferd, um seinen nächsten Untertanen aufzusuchen.
Von nun an war der kleine Markus täglich auf dem Schloß des Königs, und die beiden Kinder freundeten sich sehr schnell an und spielten zusammen den lieben langen Tag.

Das ging so viele Jahre lang. Aus den Kinderspielen wurde mit den Jahren eine tiefe Vertrautheit und innige Zuneigung. Sie hatten beide das Gefühl der Zusammengehörigkeit, als wären sie Geschwister.
Die Prinzessin stand nun kurz vor ihrem sechzehnten Geburtstag, und zu diesem Fest waren alle königlichen Familien aus den fernen Ländern und der gesamte Hochadel eingeladen.
Das Schloß war prunkvoll geschmückt, und der schönen  Lisa wurde ein Kleid aus Samt und Seide geschneidert, das in mühevoller Handarbeit noch mit Perlen und Edelsteinen bestickt wurde.
Am Tag ihres Geburtstages waren im Schloß so viele Gäste angekommen, daß
das Schlosspersonal alle Hände voll zu tun hatte, die Gäste auch standesgemäß zu bewirten.
Der König saß auf seinem Thron und links und rechts neben ihm seine Königin und Lisa. Sie sahen dem feierlichen Treiben und dem Tanzen der Gäste zu und freuten sich über jeden neuankommenden Gast. Aber die fröhliche Stimmung wurde plötzlich durch ein aufgeregtes Getuschel und Geflüster getrübt.
Einer der Hofdiener eilte zum König und rief mit ängstlicher Stimme: „Mein König, oh mein König, eure Schwester, die königliche Hoheit Taskana ist im Palast und wird jeden Moment hier eintreffen“.
Als der König das hörte, bebte er vor Wut. Er wies die Wachen an, Prinzessin Lisa sofort zum Turmzimmer zu geleiten, denn dieses war der einzige Ort, an dem sie vor seiner Schwester, der grausamen und hartherzigen Hexe sicher war.
Als die Prinzessin dort angekommen war, schloß man hinter ihr die Tür, und zwei Wachen stellten sich zu ihrem Schutz davor.

Im Ballsaal herrschte eisiges schweigen, als der Hofdiener mit bebender Stimme seine Ankündigung machte. „Eure Hoheit, die königliche Schwester und Herrscherin des Landes hinter den acht Meeren, Königin Taskana“!
Dunkler Rauch stieg auf, und mittendrin schritt Taskana langsam mit erhobenen Haupt in Richtung Thron zu ihrem Bruder und dessen Frau. Ihr haßerfüllter Blick sah sich dabei suchend unter den Anwesenden um, als suche sie jemanden.
„Was willst du hier“, schrie der König sie an, „habe ich dir nicht für alle Zeiten untersagt mein Land wieder zu betreten“?
„Verzeiht mir, mein geliebter Bruder“, heuchelte sie mit einem Ton, der eher dem Zischen einer Schlange glich, „ich habe gehört, daß ihr eine
Tochter habt, und mein besorgtes Herz hat es nicht länger ausgehalten und mich zu dieser weiten Reise bewegt, um euer geliebtes Kind nur einmal in meine Arme schließen zu dürfen“.
„Ich glaube dir kein Wort“, konterte der König ungehalten zurück, „was willst du wirklich, und welches Unheil können wir von dir erwarten“?
„Ich komme in friedlicher Absicht“, zischelte sie zurück, „glaubt mir, geliebter und gütiger Bruder, ich wollte nur dein Kind kennenlernen, und morgen wenn der Hahn kräht, werde ich dein Land wieder verlassen. Wenn ihr mir die große Gnade erweist, mir nur für diese eine Nacht eine Herberge in eurem Schloß zu gewähren, wäre ich euch zu großem Dank verpflichtet“.
„Dieses eine, aber nur dieses sei dir gewährt“, schimpfte der König, „meine Tochter aber bekommst du nicht zu Gesicht, und dein Schlafgemach wird von einhundert Soldaten bewacht. Hüte dich dieses zu verlassen, denn wenn du auch nur einen Gedanken daran verschwendest, bist du des Todes“.
„Mehr Zeit brauche ich für meinen Racheplan auch nicht“, dachte sich die falsche und hinterhältige Hexe, verneigte sich tief vor ihrem Bruder und ließ sich von den Soldaten in ihr Gemach geleiten. Auf ihrem Gesicht lag ein zufriedenes und hinterhältiges Grinsen.
Der König kündigte das Ende der Feierlichkeiten an, denn keinen der anwesenden Gäste war mehr nach Frohsinn zumute, und so verabschiedete sich ein Gast nach dem anderen, und gegen Mitternacht herrschte im Schloß eine unheimliche Ruhe.
In ihrem Turmzimmer lag die Prinzessin in ihrem Himmelbett und träumte von ihrem Markus. Der König und die Königin und das gesamte Schloßpersonal wälzten sich unruhig im Schlaf hin und her, nur die Wachen und Soldaten standen auf ihren Posten und hielten Wache. Das war der Moment, in dem die Hexe ihren teuflischen Plan in die Tat umsetzen konnte. „Dieses törichte Gesindel“, kicherte sie, „denken doch tatsächlich, sie könnten mich aufhalten. Ich werde dieses Prinzesschen schon finden, und dann werde ich mein Werk vollenden. Das wird meine Rache an meinem ach so geliebten Bruder sein, der mich des Landes verwiesen hat und mich somit um die Herrschaft über diese Volk gebracht hat“.
Sie hob die Hände gegen die Zimmerdecke, und wie von Geisterhand schwebte ein schwarzer Schleier von oben herunter, legte sich über sie und schlang sich dann sanft um ihren ganzen Körper. Dies war der Schleier der Finsternis, denn derjenige, der ihn trug, war für alles und jeden unsichtbar.
So getarnt machte sie sich auf die Suche nach der Prinzessin. Sie ging von Zimmer zu Zimmer, bis sie endlich zum Turm gelangte. Sie stieg langsam Stufe für Stufe die Wendeltreppe hinauf und öffnete die Tür zum Turmzimmer. Da lag es nun, das Kind, an dem sich die Böse fürchterlich rächen wollte.
Lisa lag in ihrem Bett wie ein Engel, ihr rotblondes Haar schmiegte sich wie von Hand gezeichnet um ihr schönes Gesicht, ihre dunklen, langen Wimpern zuckten ein wenig auf und ab, und ihr kirschroter Mund lächelte sanft.
„Schön bist du ja, mein Herzchen, aber damit ist es nun bald vorbei“, dachte Taskana und machte sich daran, ihren Hinterhalt in die Tat umzusetzen.
 „Ihr Mächte der Finsternis, ihr Himmelsstürme und all ihr Unglücksraben, hört meinen Fluch“, beschwörte sie die bösen Geister, „von nun an sollst du von Tag zu Tag, von Monat zu Monat und von Jahr zu Jahr immer häßlicher werden. Nicht schnell, nein ganz langsam, damit du an deinem Leid viel Freude hast.“
Haßerfüllt sah Taskana noch einmal die Prinzessin an und sagte höhnisch, spottend: „naja, Kindchen ich will mal nicht so sein, denn ich habe ja auch ein Herz.

Ich werde dir einen Spiegel hierlassen indem du, aber nur ausschließlich du dein wahres Aussehen erkennen kannst. Für alle anderen bleibt dieser Blick verborgen. Dadurch werden deine Qualen noch ein wenig größer, und wenn du einen Freier finden solltest, der dich trotz deiner Häßlichkeit zur Frau nimmt und diesen Spiegel in eurer Hochzeitsnacht zerschlägt, so daß er in tausend Splitter zerspringt, soll der Spuck und somit dein Elend zu Ende sein. Diese Großzügigkeit kann ich dir gerne einräumen, denn ich bin mir sicher, daß dich niemals in deinem Leben ein Mann begehren wird.
Sie breitete ihre Arme aus, und ihr Körper löste sich langsam in Luft auf. Durch das ganze Schloß drang ein schrilles Gelächter, das einem das Blut beinahe in den Adern erfrieren ließ.

Als der Morgen nahte und man feststellte, daß Taskana ihr Wort gehalten hatte und das Schloß schon verlassen hatte, atmeten alle erleichtert auf, und sie widmeten sich wieder den Dingen des Tages.
Auch Markus freute sich schon auf die Stunden, die er wieder mit seiner Lisa verbringen durfte und machte sich eiligst auf den Weg zum Schloß. „Markus schau nur, was für ein schöner Spiegel“, rief Lisa ihrem Freund zu und hielt ihn dem Markus vor sein Gesicht. „Woher hast du ihn“, fragte er neugierig, aber Lisa konnte ihm die Frage nicht beantworten.
„Ich lege ihn in meine Truhe, damit er nicht zerbricht“, sagte sie fröhlich und fragte weiter: „was machen wir heute, gehen wir an den See zum baden oder spielen wir hier im Schloßpark“?
Erstaunt sah Markus seine kleine Lisa an und zeigte mit dem Finger auf eine Stelle in ihrem Gesicht. „Was hast du da, hat dich da etwas gestochen oder hast du dich verletzt“?

Sie holte nochmals den Spiegel aus der Truhe und sah hinein. „Ich kann nichts sehen, es ist doch alles wie immer“, sagte die Prinzessin etwas verärgert und legte ihn wieder zurück. „Aber nein, da ist ein großer dicker Pickel, er sieht aus wie eine Warze“, rief der Markus ungeduldig und zog Lisa in eines der Badezimmer. „Da schau selbst hinein, dort im Spiegel, siehst du es jetzt“?  Lisa wurde ganz blaß, sah sich ihr Gesicht genauer an und fing bitterlich an zu weinen. Tatsächlich wuchs ihr mitten auf der Stirn ein großes Furunkel. Der herbeigerufene Hofarzt konnte kein Mittel finden, um der kleinen Prinzessin zu helfen. Und es kam noch schlimmer, denn jeden Morgen, an dem die Lisa erwachte, mußte sie feststellen, daß ihr wieder ein unheimlicher Pickel, eine große Warze, ja sogar tiefe Falten ins Gesicht gezeichnet waren. Sie ging nicht mehr aus ihrem Zimmer und zog die Vorhänge zu, damit der Raum im Dunkeln lag, denn sie konnte ihren Anblick nicht mehr ertragen. Markus war der einzige, der sie besuchen durfte und mit dem sie auch über ihr Leid sprechen konnte. Oft nahm er sie in seine Arme und tröstete sie und versprach ihr auch immer für sie dazusein. Er selbst hatte das Gefühl als würde man ihn langsam sein Herz herausreißen, denn er stand alledem so hilflos gegenüber, weil er seiner Prinzessin nicht helfen konnte.
Alle Ärzte des Landes boten ihre Hilfe an, und jeder war der Meinung, nur er hätte das ersehnte Heilmittel, aber alle Bemühungen waren umsonst. Der kleinen Lisa ging es immer schlechter.
Ein Jahr war nun vergangen, und aus der hübschen Prinzessin war eine alte, greise Frau geworden. Ihr Gesicht war mit tiefen Furchen durchzogen, Warzen bedeckten ihren ganzen Körper, ja sogar ein Buckel hatte sich gebildet, und ihr schönes und welliges Haar fiel ihr aus, und das, was ihr davon noch blieb, war grau und verfilzt.
Der König und die Königin verboten im ganzen Land jegliche Art von Feierlichkeiten und ordneten eine Zeit der Trauer an. Nirgendwo wurde gelacht oder getanzt, alle waren nur in Gedanken bei der Lisa.
Als Markus wieder einmal seine Lisa besuchte, sah er sie wie immer in Tüchern verhüllt am Fenster sitzen. „Taskana, das habe ich Taskana zu verdanken“, flüsterte Lisa ihrem Markus zu. „Wie kommst du darauf“, fragte er, und Lisa hielt ihm den kleinen Spiegel hin, den sie damals an jenem Morgen gefunden hatte. Schau mir ins Gesicht Markus, das ist nicht mein wahres ich, der Spiegel zeigt mir die Wirklichkeit. Lisa hielt den Spiegel vor ihr Gesicht, und Markus sah ein wunderschönes Wesen, mit reiner Haut, einen Mund, der einer roten Rose glich und Augen, die wie zwei Sterne glänzten.
„Bringe mich fort von hier“, sagte Lisa, „ich kann hier nicht mehr leben. Wir müssen Taskana finden und sie bitten, den Fluch von mir zu nehmen bevor ich an meinem Leid zerbreche und daran sterbe“.
„Wir werden Sie nie finden, und der Weg wäre zu beschwerlich für dich. Wir wären viele Monate auf Reisen, und dein Körper ist zu schwach. Lisa, liebste Lisa, weißt du was du da von mir verlangst“?  „Ja, mein Liebster“, flüsterte sie,  „das ist aber unsere einzige Chance“.
Er gab seiner Prinzessin sein Versprechen, und bei Anbruch der Dunkelheit wolle man die lange Reise ins Ungewisse heimlich und ohne sich zu verabschieden antreten.
Markus lief hinunter ins Dorf zu seinen Eltern und packte ein paar Kleidungsstücke zusammen. Sein Vater sah ihn lange und nachdenklich an.
„Mein Sohn,“ sagte er nach einigem Zögern, „mein Herz sagt mir, daß du in großer Gefahr bist. Öffne dein Herz und berichte mir von deinem Vorhaben“.
Der junge Mann setzte sich auf seine Bettkante und fing bitterlich an zu weinen. Dann schüttete er sein Herz aus und erzählte dem Vater von seinem geheimen Plan, und daß er seine Liebste nicht alleine lassen durfte.
Der Vater wurde sehr nachdenklich und sagte mit zitternder Stimme: „Auch ich habe dir ein Geheimnis anzuvertrauen. Ich bin nun alt geworden, und ich kann nicht garantieren, ob ich nach deiner Rückkehr noch am Leben bin, deshalb möchte ich dir von deiner wahren Herkunft erzählen“.
Der alte Mann erzählte was vor Jahren geschehen war, daß eine unheimlich in schwarz gekleidete Gestalt ihn als Findelkind vor seine Füße geworfen hat und wie von Geisterhand verschwand. „Aber ich erinnere mich an die Worte, die diese Person sprach“, erwähnte noch der Vater und sagte mit lauter Stimme: „Himmelsstürme, Mächte der Finsternis und alle Unglücksraben, diese Brut nenn ich nicht mein, dieses Kind will ich nicht haben“.
Markus fiel seinen Vater traurig in die Arme und bedankte sich für seine Güte und versprach ihm auf der Hut zu sein. „Grüße mir Mutter und sage ihr, daß es mir gut geht“, sagte sein Sohn und lief eiligst zum Schloß, denn die Dunkelheit brach langsam herein.
Lisa, die schon ungeduldig auf Markus wartete, hatte heimlich alle Vorbereitungen getroffen und für Pferde und Kutsche gesorgt, die sie zum nächsten Hafen bringen sollten. Mit einem Schiff ihres Vaters sollte es dann zu dem Land hinter den acht Meeren gehen, über das Taskana herrschte.
Die Kutschenfahrt der beiden zum Schiff war zwar sehr unbequem, aber dafür lag das Meer nicht weit von des Vaters Schloß entfernt. Erst die Schiffsreise, die über Monate dauerte, brachte der Lisa große Schwierigkeiten. Ihr Körper wurde immer schwächer, und der ganze Körper war nun mit Pusteln, Warzen, Falten und Pickeln besät, daß man keine Haut mehr wahrnehmen konnte. Und innerlich war sie eine Greisin, denn die Knochen schmerzten bei jeder Bewegung. Ihren Markus konnte sie schon lange nicht mehr umarmen.
Auf dem Schiff verbreitete sich das Gerücht, die Prinzessin wäre der Pest zum Opfer gefallen, und andere tuschelten hinter vorgehaltener Hand, sie wäre vom Teufel besessen, und der hätte sie so zum Monster verkommen lassen.
Markus machte dies sehr wütend, hielt sich aber zurück, denn er war auf die Schiffsmannschaft angewiesen und auf deren Arbeitskräfte. So sagte er nur: „Wenn es euch nicht auch so ergehen soll wie meiner Braut, dann rudert so schnell ihr könnt damit wir schnellstens unser Ziel erreichen, dann könnt ihr alle sofort das Schiff verlassen und an Land gehen“.
Das taten die Männer dann auch und trafen früher als erwartet im Hafen von Taskanas Reich ein.
Schnell brachte Markus seine Lisa wohlbehütet in Wolldecken eingewickelt an Land und suchte eine bescheidene Herberge. Die armen Menschen dort halfen den beiden wo und wie sie nur konnten. Der eine bereitete das Schlafgemach, ein anderer sorgte für Essen und Trinken und die Frauen aus dem Dorf
sammelten Kräuter und rührten damit Salben an, um die Schmerzen der Prinzessin ein wenig zu lindern. Keiner der Menschen wollte wissen was geschehen ist und keiner fragte nach dem Warum. Sie wollten einfach nur helfen und ihre Gastfreundlichkeit unter Beweis stellen.
Lisa rief leise ihren Markus zu sich und flüsterte in sein Ohr: „Hab Dank Liebster, Dank für alle deine Liebe, aber ich glaube meine Zeit ist gekommen, und ich werde dich bald für immer verlassen müssen. Nun haben wir den weiten Weg doch umsonst gemacht“.
Doch der Markus wollte noch nicht aufgeben und rief verzweifelt: „Bevor du mich verläßt, werde meine Frau, ich bitte dich. Dann bleibst du für alle Ewigkeit in meinem Herzen, und uns würde das heilige Band der Ehe für immer vereinigen“. „Gerne werde ich deine Frau“, hauchte sie und schlief ein. Der Markus bat einen der Einheimischen schnell einen Geistlichen herbeizurufen, damit er die Trauung vollziehen kann. Einer der Männer schwang sich auf sein Pferd und ritt los, als wenn der Teufel hinter ihm her wäre.
Auch Taskana, die in den ganzen Dörfern ihre Spitzel hatte, hörte von dem seltsamen fremden Paar und dessen bevorstehende Hochzeit.
„Wie köstlich und wie herzzerreißend“, lächelte sie höhnisch, „das Elend muß ich mir persönlich ansehen. Vielleicht spielt man dort ja zum Tanz auf, wenn die häßliche Alte das Zeitliche gesegnet hat und ich wäre dann die erste, die der junge Witwer zum Tanze führt. Ach ich liebe das Leid und das Elend meiner Untertanen, nichts macht mich glücklicher.“
Sie drehte sich dreimal im Kreis und war verschwunden.
In der alten Herberge ist nun der Geistliche eingetroffen und nahm schnell die Trauung von Lisa und Markus vor. Es war wohl für alle Beteiligten die traurigste Hochzeit, die wohl ein Mensch je erlebt hatte, nur das Brautpaar lächelte sich lange und sehr glücklich an. Dann schloß Lisa die Augen und wollte sie wohl auch nicht mehr öffnen. Sanft legte er noch ihren Handspiegel in ihre Arme und fing an zu weinen.
Langsam brach der Abend herein.
Eine spitze und schrille Stimme ertönte aus der Ecke. „Oh, welch ein liebreizendes Brautpaar, wer bist du schöner Mann, und wer ist deine ach so liebliche Braut“?, säuselte die Hexe und  stichelte noch weiter, um das Leid von Markus noch zu erhöhen: „Sag es der lieben Taskana, auch ich möchte an eurem Glück teilhaben“.
Nun wußte Markus wenigstens wer vor ihm stand.
„Ich bin Markus, und meine Frau Lisa ist die Tochter des Königs Michael, den ihr ja sehr gut kennt“, rief er voller Zorn der Hexe entgegen. Seine Worte ließen sie vor Schreck erstarren. Voller Wut und Haß schrie sie ihn an: „Himmelsstürme, Mächte der Finsternis und alle Unglücksraben, diese Brut nenn ich nicht mein, diese Brut will ich hier nicht haben“.
Und dieser Satz wurde der Hexe zum Verhängnis, denn es fielen dem Markus die Worte seines Vaters ein.
„Du warst das also, die mich vor achtzehn Jahren als Findelkind in den Schnee warf, und du warst es auch, die meine Frau mit diesem schändlichen Fluch belegte, du Ausgeburt der Hölle“!
 „Söhnchen, geliebtes Söhnchen, das ich dich unter solchen Umständen wiederfinde........“, heuchelte Taskana, wurde aber jäh von Markus unterbrochen, der seine Wut nun nicht mehr unter Kontrolle hatte.
„Sage nie wieder Sohn zu mir“, schrie er sie an, nahm den Spiegel aus Lisas Hand und warf ihn mit all seiner Kraft in Richtung der Hexe. Dieser prallte mit so einer gewaltigen Wucht gegen ihren Kopf, daß er zerbrach und in tausend kleine Scherben zu Boden fiel.
Daraufhin verwandelte sich Taskana in einen schrecklichen Dämon und wollte sich auf  den Markus stürzen.
„Hol dich der Teufel, du Wesen aus der Unterwelt“ rief der junge Mann, und das tat dieser dann auch, denn kaum hatte er diese Worte ausgesprochen, loderten helle Flammen um den schreienden und jammernden Dämon herum und brannten so lange, bis von ihm nur ein kleiner Haufen Asche übrig blieb.
Markus legte sich neben seine Braut und hielt ihre leblose Hand. Aber irgendetwas war anders. Sie fühlte sich sanft und weich an, keine Spur von Verunstaltungen. Langsam und mit zitternden Händen hob er das Tuch, das Lisa immer benutzte, um ihr Gesicht zu verdecken. Er glaubte  kaum, was er da sah. Lisa lag in all ihrer Schönheit da. Vorsichtig näherte er sich ihr und küsste ihren rosenroten Mund. Lisa öffnete ihre Augen, und zwei kleine Sterne leuchteten ihren Geliebten Mann an. „Wir haben es geschafft Lisa“, jubelte Markus. „Dein Fluch ist aufgehoben, und die grausame Taskana ist tot“.
Überglücklich wollten sie nun die Heimreise antreten, aber die Bewohner des Landes baten die beiden zu bleiben. Sie erzählten von den jahrelangen Qualen, Obdachlosigkeit und Hunger, den sie erleiden mußten und baten sie über ihr Land als König und Königin zu herrschen.
Das taten die beiden gerne. Sie feierten ihre Hochzeit zum zweiten male, aber diesmal waren alle Könige und Königinnen der Welt eingeladen. Und als Hochzeitsgeschenke erbaten sie sich, daß jedes reiche Land etwas davon abgibt, damit man das „Reich des Glücks“, so wie sie es nannten, wieder bebauen und die Felder bestellen konnten.
Und alle kamen. Jeder brachte das mit wovon er üppig hatte. Da waren Schiffsladungen mit Saat, ein anderes brachte Leinen und feine Tücher, andere Gold und Silber, Hölzer zum Aufbau der Häuser, Handelswaren und viele, viele wertvolle Sachen mehr.
Auch der Vater der Braut, König Michael war mit seiner Königin angereist, und sie hatten sich eine ganz besondere Überraschung für ihren Schwiegersohn ausgedacht. Vor dessen Schloß hielt eine prunkvolle Kutsche, und Markus sollte persönlich die Gäste empfangen. Er lief schnell den Schloßweg entlang bis er sie erreichte und öffnete die Tür. „Vater, Mutter, ist das eine Freude“! Nach einer langen und herzlichen Umarmung sagte Markus: „Kommt ins Schloß, ich werde euch alles erzählen und dann werden wir feiern. Wir feiern das Glück eures Sohnes, das Glück, daß ich die Frau meines Herzens gefunden habe und ich sie lieben darf, wir feiern unser schönes Land mit all den vielen braven Menschen, und daß die Hexe Taskana keinem mehr ein Leid zufügen kann.
Viele Jahre sind seitdem vergangen. Markus und Lisa regierten über ihr Land und waren sehr darauf bedacht, das ihre Untertanen mit allem versorgt waren, wonach ihre  Herzen  begehrten.
Die Felder waren reichlich mit Korn und Gemüse bestellt, die Wälder waren wieder dicht gewachsen und boten somit dem Wild Unterschlupf und Schutz, das Gras auf der Weide war saftig grün, und das Vieh konnte sich reichlich satt fressen.
Jeder war zufrieden, und alle dankten und liebten ihren König und seine Königin.
Jeglicher Gedanke an die Hexe Taskana war aus den Köpfen der Menschen wie ausgelöscht, und ihr Name wurde nie wieder ausgesprochen.
Es kam der Tag, an dem der Königshof die Nachricht bekannt gab, daß die Königin ein Kind erwarte. Alle waren in heller Aufregung und Freude. Im Dorf richtete man ein großes Fest aus und jeder, ob groß ob klein, war geladen, diese freudige Nachricht zu feiern. Man sang, spielte und lachte, trank fröhlich vom Wein und tanzte bis in den frühen Morgen.
Auch König Michael, der Vater von Lisa, hörte von dieser Nachricht. Er war wohl der einzige, der darüber nicht sehr erfreut war, und er hatte auch allen Grund dazu. Er mußte unbedingt mit Markus und Lisa sprechen, denn es drohte ein großes Unheil, das ihr Land erwartete. Also machte er sich auf die lange und beschwerliche Reise zu ihnen, zum Land hinter den acht Meeren, um seine Kinder zu warnen.
Als er nun endlich dort angekommen ist, schloß er Lisa in seine Arme und drückte sie ganz fest an sein Herz. Dann ging er auf Markus zu und sprach mit sehr ernstem Gesicht: „Meine Kinder, das grausame Schicksal, mit dem einst unsere Vorfahren vor hunderten von Jahren verflucht wurden, ist noch nicht vorbei. Jeder Nachkomme der zweiten Generation ist von diesem Unglück betroffen. Einst war es mein Großvater, der das Blut des Dämons in sich trug, später dann meine eigene Schwester Taskana und nun wird es euer Kind sein, denn du Markus, bist der leibliche Sohn von ihr. Sie war es, die dich damals beim Ziegenhirten ausgesetzt hat, und deshalb wird dein Kind das Blut des Schattens in sich tragen. Seit also auf der Hut und macht nicht den Fehler, den ich einst machte, als ich Taskana des Landes verwiesen habe. Denn hätte ich es nicht getan, wäre ihre Rache an Lisa niemals geschehen. Gebt eurem Kind also niemals einen Grund sich zu rächen, nur dann könnt ihr größtes Leid und Unglück vermeiden“.
Als er das ausgesprochen hat, saßen Markus und Lisa wie versteinert da. Ihr Kind, auf das sie sich so freuten, soll später einmal Leid, Not, Elend und Kummer über sie und ihr Volk bringen? „Das darf nicht sein“, flüsterte Lisa. „Ich will ihm all meine Liebe schenken und darüber wachen, daß kein Dämon in seine Nähe kommt und ihm dem Atem der Schattenwelt einhaucht“.
„Du wirst es nicht verhindern können“, sagte der Vater traurig, „aber du kannst euer aller Leid lindern, wenn du meinen Rat befolgst“.
Die drei redeten noch viele Stunden, bis der Morgen graute, dann brach König Michael seine Heimreise an.
Markus und Lisa verbrachten die nächsten Tage schweigend und nachdenklich, bis sich langsam nach einiger Zeit der Alltag wieder einstellte. Markus kümmerte sich um seine Untertanen und Lisa um das Schloß und all die anderen königlichen Pflichten.
Und es kam der Tag, an dem ihr Baby geboren wurde. Es war ein kleiner Junge. Die Augen hatte er von seinem Vater, und seine kleinen Löckchen hatten die
Haarfarbe seiner Mutter. Die stolzen Eltern liebkosten ihren kleinen Schatz und waren so überglücklich, daß die mahnenden Worte des Vaters schnell vergessen waren.
„Sieh nur Markus“, er hat das selbe Mal hinter seinem Ohr, genau wie du“, staunte Lisa und lachte amüsiert. „Wenn seine Haare einmal gewachsen sind, wird man es nicht mehr bemerken“, lächelte der König und nahm seinen kleinen Sohn liebevoll in seine Arme.
Beide schenkten ihm all seine Liebe und sorgten dafür, daß er sich immer geborgen fühlen  konnte.                        
So vergingen die Jahre. Der kleine Prinz, den seine Eltern auf den Namen Christian tauften, wuchs schnell heran und hatte durch seine liebe und fröhliche Art, sein helles Lachen und sein herzerwärmendes Wesen schnell die Herzen des Schloßpersonals und des ganzen Volkes erobert.
An seinem zehnten Geburtstag wurde der Schloßgarten über und über mit bunten Luftballons geschmückt, die leckersten Torten wurden aufgetischt und alle Kinder aus den Dörfern eingeladen, um mit dem kleinen Prinzen zu feiern.
Lustige Clowns machten ihre Späße, und Musikanten spielten die schönsten Kinderlieder. Prächtiger konnte ein Kinderfest nicht sein. Alle hatten ihren Spaß, und am frühen Abend waren alle vor Erschöpfung so müde und vollgefuttert, daß sich die kleinen Geburtstagsgäste schnell verabschiedeten, um in ihr Bettchen zu kommen.
Anders ging es auch dem Christian nicht. Seine kleinen Augen fielen ihm schon zu, als ihn Lisa auf ihren Armen in sein Zimmer trug. Sie legte ihn in sein Bett und deckte ihn vorsichtig zu, gab ihm einen Gutenachtkuß und flüsterte: „Schlaf gut, mein kleiner Engel“.

Dann schloß sie leise hinter sich die Tür.
In dieser Nacht schliefen alle tief und fest, denn die Feier hatte allen viel Arbeit abverlangt.
Über dem ganzen Schloß lag eine tiefe Stille, nur im Zimmer vom kleinen Christian tat sich etwas außergewöhnliches. Vor dem Bettchen des Kleinen sah man schemenhaft eine dunkle Schattengestalt, die sich langsam über den Prinzen beugte. „Deine Zeit ist gekommen“, ertönte eine leise, tiefe Stimme, „deine Zeit für den Kuß der
Finsternis“. Die Gestalt neigte sich immer tiefer und hauchte einen Kuß auf dessen Lippen. Dann war der Schatten so geheimnisvoll verschwunden wie er gekommen war.
Von nun an änderte sich das Verhalten des kleinen Prinzen. Er wurde immer ernster, hatte keine Lust mehr zum spielen und wurde zänkisch und gemein. Die Kinder aus dem Dorf kamen auch nicht mehr zum Schloß, um ihn zu besuchen, denn sie hatten alle Angst vor ihm. Wenn sich irgendjemand verletzte oder gar Kummer hatte, verhöhnte er denjenigen und fing hinterhältig grinsend an zu lachen. Ja, er wurde richtig böse und grausam. Er kannte kein Mitleid mehr und konnte sich nur noch am Leid anderer erfreuen.
Lisa bemerkte seine Veränderungen schon lange und wurde immer unruhiger und ängstlich.
Als sie Markus daraufhin ansprach, wehrte er ihre Besorgnis mit der Begründung ab, daß sich Christian in einem schwierigem Alter befinde und sie sich keine Sorgen machen müsse.
So vergingen einige Jahre, aber an Christians Verhalten hat sich nichts geändert, ganz im Gegenteil, je älter er wurde um so größer wurde seine Boshaftigkeit.
Als der Hof zum sechzehnten Geburtstag ihres Sohnes die gleichaltrigen Söhne und Töchter ihrer Untertanen geladen hat, wurde das Königspaar mit der Wahrheit konfrontiert. Keiner der geladenen Gäste war erschienen, und Christian mußte allein mit der Dienerschaft seinen Ehrentag verbringen. Der schäumte vor Wut und schwor furchtbare Rache an den Dorfbewohnern zu nehmen.
„Wenn ich an der Macht bin, werdet ihr keine ruhige Minute vor mir haben“, dachte sich der Prinz, „ich werde dafür sorgen, daß die Zeit des Wohlstandes der Vergangenheit angehört, und daß ihr Hunger und Elend, Krankheit und Pest erleidet, solange bis ihr wie die Hunde auf allen Vieren gekrochen zu mir kommt“.
König Markus erkrankte schwer. Die Hofärzte hatten keine Hoffnung mehr, und Lisa war der Verzweiflung nahe. Was sollte aus ihr und Christian werden, dachte sich die Königin und weinte sich jede Nacht in den Schlaf.
Der böse Prinz aber sah seine Gelegenheit gekommen. Er wollte so schnell wie möglich die Krone übernehmen, um an die Macht zu kommen, deshalb konnte er den Tod seines eigenen Vaters kaum erwarten.
Als er seiner Mutter den Vorschlag machte, den todkranken König zu entmachten, um ihn als Herrscher einzusetzen, verlor sie völlig die Fassung und schrie ihn an: „ Du herzloser Mensch, schämst du dich nicht“? „Dein Vater ist und bleibt solange König, bis er gestorben ist, erst dann wird nach dem Gesetz der neue König ausgerufen, und solange hast du dich zu gedulden. Gehe mir aus den Augen, denn ich möchte nicht, daß dein Vater noch auf seinem Sterbebett miterleben muß, wie sich sein eigenes Fleisch und Blut  gegen ihn wendet“.
Christian, der durch die Worte seiner Mutter so wütend geworden ist, schien nun endgültig seinen Verstand verloren zu haben und setzte all seinen Haß gegen seine Mutter und seinen Vater in die Tat um.
Er rief die Wachen und forderte sie auf, die Königin in den Kerker zu werfen. Als diese sich weigerten, drohte er ihnen mit den Worten: „Wer sich meinen Willen von nun an widersetzt, wird durch Abschlagen des Kopfes zum Tode verurteilt.

Mit sofortiger Wirkung übernehme ich die Regentschaft über dieses Königreich und lasse oder werde jeden töten, der sich meinem Willen nicht beugt.“
Lisa hörte weinend die Worte ihres Sohnes und ihr wurde klar, daß die Zeit gekommen war, die König Michael ihr und Markus prophezeit hatte. Willenlos und innerlich vom Schmerz zerrissen ließ sie sich von den Wachen in den Kerker abführen.
Den Zugang zum Zimmer, in dem sein kranker Vater lag, ließ der Prinz durch Absperrungen und Schlösser für alle Bediensteten im Schloß verriegeln, so daß keiner mehr Zutritt zum König hatte. Selbst die Ärzte mußten sich dieser Anordnung beugen.
Nun war Christian an seinem Ziel, und er machte es sich zur ersten Aufgabe, seine Rachegedanken an den Dorfbewohnern in die Tat umzusetzen.
Er befahl, alles Hab und Gut seiner Untertanen durch seine Ritter und Soldaten zu beschlagnahmen und alle jungen und kräftigen Männer aus dem Lande zu jagen. Den Frauen, Alten und Gebrechlichen machte er es zur Auflage, die kommenden Ernten und alle zukünftigen Erträge und Einnahmen sofort im Schloß abzuliefern. Sollte ein Bewohner nur ein Korn oder ein Stück Brot für sich selbst behalten, so sollte er des Todes sein.
Und so geschah das dann auch. Als keine kräftigen Burschen und Männer mehr im Lande waren und die Äcker und Felder durch die schwachen Frauen und die gebrechlichen Alten nicht mehr ordnungsgemäß bestellt werden konnten, blieb es nicht aus, daß Hunger und Krankheiten über das Land hereinbrach.

Die Not und das Elend kam zu den armen Menschen zurück, noch hundertmal schlimmer als es damals unter der Herrschaft von Taskana zu erleiden hatte.
Im Kerker musste Königin Lisa Hunger und Durst erleiden. Ab und zu durften die Wachen ihr ein Stück verschimmeltes Brot zuwerfen und wenn es einmal regnete, fing sie die Tropfen, die durch das Kerkerfenster fielen, mit ihren Händen auf, um ihren Durst zu löschen.
Völlig abgemagert und dem Hungertode nahe, lag sie in einer dunklen Ecke, die spärlich mit Spreu beschichtet war, als ihr eine schöne, hell leuchtende Gestalt erschien.
„Lisa, du darfst nicht aufgeben“, sagte diese, „willst du deinen Sohn erretten und ihn von der Macht des Bösen befreien, mußt du all deine Kraft zusammennehmen“.
„Wie soll ich das können“, fragte Lisa, „sieh mich an, sieh was mein Sohn getan hat. Mein Mann liegt im Sterben, und ich werde hier im Kerker gefangen gehalten. Ich bin schwach und habe keine Kraft zu kämpfen. Ich habe meinen Sohn an die Mächte des Bösen verloren und werde hier nie wieder lebend herauskommen“.
„Der, der dir das angetan hat, ist nicht dein wahrer Sohn, sondern das Ungeheuer aus der Unterwelt, das in ihm lebt. Wie der Fluch aus der Vergangenheit befiehlt, muß sich der Prinz seinem Schicksal beugen, ob er will oder nicht. Aber du kannst den Bann ein für allemal beenden. Steige herab in das Reich des Schattens und finde Taskana, die dort als Dämon lebt. Töte sie und schneide ihr das Herz heraus, bringe dieses hierher zurück und halte es im Morgengrauen in den ersten Sonnenstrahl. Wenn das Sonnenlicht auf das Herz des Dämons fällt,  wird der Fluch aufgehoben, und dein Sohn ist frei, und dein Volk wird von all seinen Qualen erlöst“.
„Wie soll ich dorthin gelangen“, fragte Lisa ungläubig, „und wie soll ich Taskana erkennen“?
„Heute nacht im Traum wirst du in die Tiefe, in das Reich der Unterwelt, herabsteigen. Kein Dämon kann dich wahrnehmen, denn sie können nur ihresgleichen erkennen. Du mußt dort das Ungeheuer herausfinden, in dem Taskana weiterlebt, aber wie du es erkennst, darf ich dir nicht sagen, da mußt du dein Herz befragen. Aber bedenke, wenn du den Dämon nicht erkennst, kannst du nicht mehr zurück, und du mußt für immer im Reich der Schatten bleiben. Aber habe nur Mut und vertraue auf deine Liebe, dann wirst du die nötige Kraft aufbringen und vor dem Morgengrauen aus deinem Traum erwachen und das Herz in deiner Hand halten“, sagte die schöne Gestalt und war verschwunden.
Lisa tat was ihr die Gestalt auftrug, sie befestigte ein Messer unter ihrem Gürtel und legte sich zum schlafen nieder, und bald schon fiel sie in einen tiefen Schlaf.      
Tief und immer tiefer .............!
Lisa hatte das Gefühl sie stürze in einen dunklen Brunnen herunter. Um sie herum drehte sich alles, und der Fall schien kein Ende zu nehmen, dann fiel sie in eine tiefe Ohnmacht. Als sie aus dieser erwachte schaute sie sich vorsichtig um, und ein Schauer nach dem anderen jagte ihr vor Angst und Ekel den Rücken herunter. Sie befand sich in einer Höhle, in der hunderte von häßlichen Gestalten, die eine sabbernd, die andere zähnefletschend und andere wieder gräßlich heulend über sich herfielen oder einfach nur an ihren Krallen kauend in einer Ecke saßen. Spinnen und anderes Kriechgetier hing an den steinernen
Wänden, und tote Ratten lagen überall herum. Sie war im Reich der Dunkelheit inmitten der Dämonen angelangt.
Lisa stellte sich zitternd mit dem Rücken an eine Wand, beobachtete die Ungeheuer und wartete darauf, bis sie sich schlafen legten.
„Auch Dämonen müssen einmal schlafen“, dachte sich Lisa und überlegte, wie sie aus den vielen häßlichen Gestalten Taskana herausfinden könnte.


Sie musste an ihren geliebten Markus denken und an ihren Sohn, den sie, obwohl er soviel Leid über sie und ihrem Volk gebracht hatte, über alles liebte. Sie dachte an seine Geburt und wie sie sich über das Mal hinter seinem Ohr amüsierte, weil doch sein Vater das selbe hatte. „Das Mal hinter dem Ohr“, dachte sich die Königin, „es wird doch von Generation zur Generation vererbt. Das ist die Lösung! Dieses Mal muß auch Taskana geerbt haben, auch wenn sie sich in einen Dämon verwandelt hat, müßte sie noch immer diesen kleinen Fleck hinter ihrem Ohr tragen“, flüsterte Lisa leise vor sich hin und war ganz aufgeregt.
Als nun endlich in der Höhle Ruhe einkehrte und sich die Ungeheuer alle zum schlafen gelegt hatten, schlich sich Lisa auf leisen Sohlen von einem Dämon zum anderen und schaute vorsichtig hinter all deren Ohren, doch bisher ohne Erfolg. Sie hatte schon die Hoffnung aufgeben wollen, da bemerkte sie bei einem laut schnarchenden und besonders abscheulichen Exemplar das gesuchte Mal. Schnell griff sie zu dem Messer und stach zu. Lisa traf sein Herz gleich beim ersten Stich, daß der Dämon nicht einmal mehr schreien konnte. Eiligst trennte sie das Herz aus den toten Körper und schlich sich wieder zu dem Ort, an dem sie aus ihrer Ohnmacht erwachte und schloß erschöpft die Augen. Und wieder fiel sie in einen tiefen Schlaf.
Als sie erwachte, lag sie auf dem Steinboden im Verließ ihres Schlosses. Durch das Kerkerfenster graute schon der Morgen, und am fernen Horizont sah sie die Sonne aufgehen. Da sie sich nicht sicher war, ob sie nur von der schönen Gestalt und der Reise in die Schattenwelt geträumt hatte, sah sie an sich herab und erblickte das Herz in ihren Händen. Ihr wurde klar, das dies alles kein Traum war und sie nun darauf achten müsse, das Herz in das Licht der Sonne zu halten.
Als der erste Sonnenstrahl in ihr dunkles Verließ schien, hielt sie es mit ausgestreckten Händen gegen das Licht, und im selben Augenblick löste sich es sich in Rauch und dann in Luft auf.  
Oben im Thronsaal brach der junge Prinz zusammen, und aus seinem Mund stieg eine dunkle schwarze Rauchwolke, dann verlor er die Besinnung. Die herbeieilenden Hofdiener schüttelten ihn und benetzten seinen fast leblosen Körper mit Wasser, solange, bis er benommen zu sich kam. Er wußte nicht, was geschehen war und fragte verwirrt nach seiner Mutter und seinem Vater. Als man ihn daran erinnerte, daß er seine Mutter bei Wasser und Brot in den Kerker werfen ließ, und daß man auf seinen Befehl den todkranken Vater nicht pflegen
durfte, bat er darum, seine Mutter sofort zu befreien und den Ärzten den Zugang zu seinem Vater zu gewähren.
Lisa schloß überglücklich ihren Christian in die Arme und erzählte ihm von seiner Besessenheit, ihrer Reise zur Schattenwelt und daß der Fluch über ihn und all seine Nachkommen nun für immer und ewig gebannt sei. Beide sorgten aufopfernd für das Wohl von König Markus und erfüllten ihm jeden Wusch bis er wieder gesund war und er seine Regierungsgeschäfte in Amt und Würden wieder aufnehmen konnte.
Der König, die Königin und besonders der Prinz baten das Volk um Vergebung und erzählten ihm vom Fluch, der über ihrer Familie lag. Sie gaben all ihr Hab und Gut an deren Besitzer zurück und sorgten dafür, daß alle jungen Männer wieder ins Land einreisen durften. Für alles Leid, das ihre Untertanen durch die Schuld der Königsfamilie erleiden mußte, bekam jeder noch ein Scheffel voll Gold, so daß alle bis in ihr hohes Alter versorgt waren.
Ein großes Versöhnungsfest, das sich über das ganze Land erstreckte, wurde organisiert und es wurde wie noch nie zuvor gefeiert.
.....und wenn du mal auf Menschen triffst, die fröhlich sind, Lieder singen und tanzen, könnten es Bewohner sein aus dem Reich des Glücks, dem „Land hinter den acht Meeren“.


Ende

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