Die Spinnenkönigin


In einer Zeit, in der Märchen noch wahr waren, gab es einmal zwei Länder, die unterschiedlicher nicht sein konnten. In dem einen herrschte König Johann der Gütige mit seiner schönen Tochter Melissa, in dem zweiten die böse Hexe Penele, Herrscherin der Schatten, mit ihrem hässlichen und herzlosen Sohn Maximus.
In König Johanns Land gab es Glück und Reichtum, denn die Menschen hatten genug, um ihr Leben sorglos zu bestreiten. Im Reich des Schattens aber herrschte Armut unter dem Volk. Krankheit und Hungersnöte bestimmten ihr Leben, denn alles, was sie sich erarbeiteten, mussten sie zum Schloss bringen, damit sich der Reichtum von Penele und Maximus Tag um Tag vergrößerte. 
Als der alte König Johann schwer krank in seinem Bett lag, ließ er Melissa zu sich holen und sprach mit schwacher Stimme zu ihr: „Melissa mein Herz, als deine liebe Mutter verstarb, wollte ich dir Mutter und Vater zugleich sein. Nun ist auch meine Zeit gekommen, dass ich dich verlassen muss. Gerne wüsste ich einen braven Mann an deiner Seite, der dich liebevoll unterstützen kann, denn bald wirst du das Amt des Königs übernehmen und wirst als Königin verantwortlich sein für dein Volk. Sende alle Boten aus und lasse verkünden, dass es mein letzter Wille ist, alle heiratsfähigen Edelmänner kennen zu lernen, um dich mit einem guten Mann zu vermählen“.

Die Boten zogen aus und verkündigten die Nachricht ihres kranken Königs. Bestürzung und Trauer überkam das Volk, und alle beteten für seine Genesung.
Aber auch im Reich der Schatten hörte man von der Botschaft, und Penele, die böse und geldgierige Königin, rief ihren Sohn zu sich und sprach: „Mache dich auf die Reise ins Land des Glücks und werbe um die Königstochter. Du alleine sollst ihr Herz gewinnen, sie heiraten und somit ihren Reichtum und ihre Ländereien in unsere Hände legen“.
Als der Tag nahte, an dem alle edlen Ritter und Fürsten im Schloss des Königs eintrafen, verneigten Sie sich betroffen vor dem kranken König Johann und warben um die Hand der schönen Melissa.
Auch Maximus, der unterdessen im Schloss eingetroffen ist, eilte zum Krankenbett des Königs und fragte grinsend, ohne sich zu verneigen und mit ironischer Stimme:  „Ich habe gehört, mit euch geht es zu Ende? Schade, schade, aber sagt mir schnell, wie viele Ländereien bekomme ich und wie viele Golddukaten kann ich erwarten, wenn ich eure Tochter zur Frau nehme?“
Den Anwesenden stockte der Atem, und alle waren empört über soviel Dreistigkeit.
„Du Maximus wirst meine Tochter nie zur Frau bekommen“, sagte der König mit verbitterter Stimme, „eher gäbe ich sie den erstbesten Bettler aus eurem Land zur Frau oder sie bleibt ihr Leben lang alleine“.
„Wir werden sehen was geschieht“, pöbelte der Prinz beleidigt, machte auf dem Absatz kehrt und trat eiligst die Heimreise an, wo schon seine gierige Mutter Penele ungeduldig auf ihn wartete.
„Berichte mir von den Ereignissen, hat man dir Melissa versprochen, wirst du König im Reich des Glücks sein, fallen alle ihre Schätze in unsere Hände, erzähle, schnell....“ zischte aufgeregt die alte Hexe und rieb sich dabei schon freudig ihre knochigen Finger.
Als Maximus von der Abfuhr des Königs berichtete, schäumte die Alte vor Wut und raufte sich ihre verfilzten Haare. „Denen zahle ich es heim, die werden es bitter bereuen uns so zu beleidigen“ keifte sie immer und immer wieder und  zerschmetterte alles was ihr dabei in den Weg kam.
In der Nacht schmiedete sie ihren teuflischen Plan und setzte ihn in die Tat um. Sie stieg hinab in das Kellergewölbe, griff sich ihr Zauberbuch und schrie lauthals in die Nacht hinein:

„Mein Sohn ist ihm nicht gut genug?
So höre meinen Zauber, meinen Fluch:
Hässlichkeit soll sie umgeben,
als Spinne soll sie fortan leben.
Man soll sie ertränken, jagen, auch erschlagen,
soll keine ruhige Minute haben.
Nur ein mutiges Herz, ganz jung, klein und rein,
könnte ihr Erlöser sein.
Aber ruhig Blut, denn das wird nie geschehen,
auf acht Beinen wird sie nun durchs Leben gehen“.
             

Im Schloss des Königs Johann lagen alle in ihren Betten und schliefen tief und fest. Nur die Prinzessin lag wach und drehte sich unruhig in ihrem Himmelbett von der einen Seite zur anderen. Dann geschah das Unheil. Ein fürchterlicher Schmerz durchzog Melissa und ehe sie begriff was ihr geschah, schrumpfte ihr Körper bis hin zu einer handgroßen, hässlichen, schwarzen Spinne zusammen.
Der Zauber war vollbracht.
Am darauffolgenden Morgen wollten die Kammerjungfrauen das Bett der Prinzessin aufschütteln und entdeckte darin die Spinne. Schreiend vor Schreck und Ekel holten sie eiligst Besen und andere Stöcke herbei, um das Tier zu erschlagen.
Sie schlugen wie wild um sich, aber die Spinne war schneller. Sie kroch unter die Matratze und schlüpfte dann ungesehen unter den Teppich. Von dort kroch sie in Richtung Fenster und ließ sich an einem silbernen Faden herab in den rettenden Garten. Im Schutze des hohen Grases suchte sie sich einen Weg zu einem Versteck, wo sie niemand sehen konnte.
Unterdessen suchten und riefen die Diener und Mägde nach der Prinzessin, aber keiner konnte sie finden. Sie war und blieb verschwunden.
Als der König von dem Verschwinden seiner geliebten Tochter hörte, brach ihm endgültig sein krankes Herz und mit den Worten auf seinen Lippen: „Bringt mir mein geliebtes Kind zurück“, schloss er für immer seine Augen und verstarb.
Draußen im Schlossgarten wartete die Prinzessin, die nun eine Spinne war, unter einem Busch versteckt auf die nächste Nacht, denn am Tage war es für sie zu gefährlich ihren Fluchtweg weiter fortzusetzen.
Als die Dunkelheit hereinbrach, schlich sie sich dann von den Menschen unbemerkt Stück für Stück weiter in Richtung des nahegelegenen Waldes. Dort angekommen, legte sie eine Rast ein, ernährte sich von all den kleinen Kriechtieren und toten Fliegen, denn sie hatte großen Hunger. Als sie in der Nähe Wasser rauschen hörte, bekam sie Durst und tastete sich langsam in die Richtung, aus der das Geräusch kam. Dort angekommen, sah sie einen kleinen Bach fließen. Hastig trank sie ein paar Schluck von dem klaren Wasser, verlor aber dabei ihren Halt und stürzte in den Bach hinein. Sie schwamm um ihr Leben, konnte aber das Land nicht mehr erreichen. Schnell und schneller wurde sie angezogen, und immer tiefer wurde der Sog, der sie mitriss. Mal stieß sie an einen Stein, ein andermal fand sie einen kurzen Halt an einem Blatt. Aber alle Mühe und ihr Überlebenskampf waren vergebens. Der Bach, der jetzt in einen großen Fluss mündete, gab sie nicht mehr frei. Schwach und hilflos musste sie sich den Wellen ergeben und sich darin treiben lassen. „Das ist nun mein Ende“, dachte die Spinne und ergab sich ihrem Schicksal. Dann fiel sie in tiefe Ohnmacht.
Die Kunde, dass der König verstorben sei, verbreitete sich blitzschnell unter dem Volk im Land des Glücks. Die Trauer war aber doppelt so groß, weil man auch kein Lebenszeichen von der Prinzessin hatte, die nun den Platz ihres Vaters einnehmen sollte, um Königin zu werden.
Alle suchten nach ihr. Die Bauern, die Fürsten, die Jäger, der gesamte Hofstaat, ja sogar die Tiere schnüffelten und schnupperten und suchten nach jeglicher Fährte von der Prinzessin, aber alles Suchen war  vergebens.
Keiner lachte mehr, keiner sang ein Lied, und alle Menschen liefen nur noch mit gesenktem Haupt aneinander vorbei. Ein jeder trauerte um die beiden.
Auch die Hexe Penele hat vom Tod des Königs gehört und war hocherfreut darüber. Sah sie doch noch eine Chance für sich und ihren Sohn, die Macht und die dazugehörigen Reichtümer des Nachbarlandes an sich zu reißen, denn nur Sie und ihr boshafter Sohn alleine wussten von dem Schicksal der Prinzessin.
Schnell wurde ein zweiter hinterhältiger und gemeiner Plan ausgeheckt, wie man sicherhaltshalber auch noch die Prinzessin töten und somit loswerden könnte.
Penele schickte tausend ihrer Hofgetreuen, verkleidet als Spinnenjäger, ins Land des Glücks, mit dem Auftrag, sämtliche Spinnen, ob groß, ob klein, wegen einer angeblichen Pestgefahr, die von ihnen ausgehen sollten, zu töten.
Als Melissa erwachte fand sie sich auf einem schmierigen und brodelnden Schlamm wieder. Alles um sie herum war dunkel, und ein unheimlicher grauer Nebel lag in der Luft.
„Wo bin ich?“ dachte sie sich und bewegte eines nach dem anderen ihrer acht Spinnenbeinchen vorsichtig vorwärts, und immer wieder versanken sie in dem Morast.  Aber langsam, ganz langsam wurde der Boden unter ihr härter, und sie hatte wieder festen Halt. „Oh Gott“, dachte sie sich, „ich bin im Moor wieder zu mir gekommen. Da kann ich von Glück sagen, dass es mich nicht verschlungen hat“. 
Es lag ein langer und schwerer Weg vor ihr, als sie endlich in der Ferne schemenhaft eine kleine Holzhütte sah. Dort wollte sie Schutz suchen und sich ausruhen. So schnell sie laufen konnte, eilte sie dorthin und stand nun vor dem kleinen Gebäude.
„Prima, eine Scheune voll mit Heu gefüllt“, freute sich die Spinne und suchte sich darin ein ungestörtes und ruhiges Plätzchen, um zu schlafen.
Inzwischen waren die Getreuen der Hexe im Land des Glücks einmarschiert und taten, was ihnen Penele aufgetragen hatte. Jeder Zentimeter wurde durchsucht, jedes Blatt und jeder Stein wurde umgedreht, um nach Spinnen zu suchen. Die, die man fand, wurden sofort getötet und demjenigen, der eines dieser Tierchen verstecken sollte, wurde mit dem Tode durch Erhängen gedroht.
Als man nun das ganze Land von Spinnen befreit hatte und keine einzige mehr zu finden war, konnte nun der weitere Plan der Hexe durchgeführt werden.
Penele und Maximus packten ihre Kleiderkoffer, füllten ihre Geldtruhen mit all ihrer Habe, verluden alles auf den Gepäckständer ihrer Kutsche und befahlen den Kutscher die Pferde anzupeitschen, damit sie so schnell wie möglich am Schloss des verstorbenen Königs Johann ankämen.
Dort übernahm die Hexe die Aufgaben der verschwundenen Prinzessin und krönte sich selbst zur Königin des Landes.
Es dauerte nur wenige Tage, bis derselbe Zustand im Land des Glücks herrschte, der im Reich des Schattens Alltag war. Die neue, grausame Königin und ihr herzloser Sohn forderten ihrem Volk alles ab. Die Ernten, die Erträge aus ihrem Verkauf, das Gesparte, ja sogar den geerbten Familienschmuck mussten sie im Schloss abliefern. Den armen Menschen blieb nur noch der Hunger und der Durst.
Die Königin und ihr Sohn aber wägten sich in Sicherheit, denn sie waren sich einig, dass man die verzauberte Prinzessin als Spinne entdeckt und erschlagen hatte.
„Wäre eigentlich nicht nötig gewesen“, kicherte die Hexe, „denn ein mutiges Herz, ganz jung, klein und rein, hättest du niemals gefunden“.
In der kleinen Holzhütte richtete sich die Spinne ihr neues Zuhause ein. Sie spann in der obersten Ecke, direkt unter dem Giebel, ein großes Netz und fing damit ihre Nahrung. Wenn es einmal regnete, ließ das undichte Dach genug Wasser hindurch, dass sie auch reichlich zu trinken hatte.

„Hier werde ich bleiben“, dachte sich Melissa, „bis meine letzte Stunde geschlagen hat. Hier bin ich sicher vor den Menschen und brauche mich nicht zu ängstigen. Aber dennoch hätte ich gerne gewusst, wo ich bin, denn in unserem Land gibt es kein Moor und keine dunklen Nebel“.
Als sie langsam zur Ruhe kam, die lange und gefährliche Flucht vor den Menschen vorüber war, begriff sie erst was mit ihr geschehen ist.
Es überfiel sie eine große Traurigkeit, und sie weinte viele kleine Tränen, die sich wie der Morgentau im Netz verfingen. Dann schlief sie endlich ein und träumte von ihrem geliebten Vater.
Als der Morgen anbrach, hörte die Spinne aus der Ferne einen Hahn krähen. „Warum wird es nicht hell“, fragte sich Melissa, „warum ist hier alles so düster?“
Sie hangelte sich an ihrem Spinnennetz hoch und schaute durch einen Spalt hindurch und sah überall Nebel, der sich wie ein grauer Schleier über das Land legte. „Ich weiß jetzt wo ich bin“, durchfuhr es mit Schaudern die Prinzessin, „ich bin im Land der Schatten, im Reich der Hexe Penele. Der Fluss hat mich hierher getrieben als ich in Ohnmacht gefallen bin. Zu all meinem Unglück nun auch noch das. Ich werde meinen Vater und mein Land nie mehr wiedersehen mit all ihren fröhlichen Menschen, denn wie sollte ich jemals wieder heimkehren können?“ Und wieder weinte die Prinzessin, und wieder bedeckten ihre Tränen das Spinnennetz.
Als der Abend hereinbrach, hörte sie wie sich jemand der kleinen Scheune näherte und die Tür aufriss. Kurz darauf sah sie ein warmes und helles Licht. Es kam aus einer Lampe, die ein kleiner Junge in seinen Händen hielt. Schnell verkroch sich Melissa, damit er sie nicht entdecken konnte. Der Junge hangelte sich an einer Leiter hoch bis hin zum obersten Strohballen, wo die Spinne ihr Netz gewebt hatte.
Dort setzte er sich ermüdet hin und weinte so sehr, dass es Melissa beinahe ihr Herz zerriss, aber sie durfte sich nicht zeigen, sie blieb weiterhin in Verborgenheit.
Als der Kleine seine Tränen trocknete, entdeckte er das Netz. Neugierig zupfte er an den feinen Spinnfäden und vernahm eine kleine, feine Musik. Sie hörte sich an als wenn ein Engel auf einer Harfe spielte. Furchtlos rückte er näher und schaute sich dieses Wunderwerk genauer an. „Ein Spinnennetz aus silbernen und goldenen Fäden habe ich noch nie gesehen“, flüsterte er leise vor sich hin und kam nun ganz nahe heran. „Wo solch ein schönes Netz ist, muss es auch eine schöne Spinne geben“, dachte sich der Junge und rief vorsichtig und ganz leise: „Hallo, ist jemand zuhause? Komm doch herbei und zeige dich mir. Wir könnten uns unterhalten, wir zwei. Ich habe niemanden, mit dem ich reden kann, keinen Freund, keine Mutter, nur meinen bösen Vater. Komm doch, ich tue dir bestimmt nichts“.
Es dauerte einige Zeit, bis die Prinzessin all ihren Mut zusammengenommen hatte, um sich zu zeigen. Vorsichtig und ganz langsam tastete sie sich zur Mitte des Netzes und ließ dabei vor Angst den Jungen nicht aus den Augen.
„Oh bist du schön“, rief erfreut der Kleine und krabbelte etwas zurück, um sie in all ihrer Schönheit und Größe besser bewundern zu können. „Du hast auf deinem Körper eine schöne Zeichnung“, staunte er weiter, „es sieht aus wie eine kleine goldene Krone? Bist du am Ende eine Spinnenkönigin?“
Als die Spinne diese lieben Worte des Jungen hörte fing ihr Körper vor Freude an zu zittern, und sie strich sanft mit ihren Beinchen über all die vielen Gold-und Silberfäden, die sie umgaben, und eine leise, wunderschöne Melodie erklang.
Schnell zupfte sich der Junge eines dieser Fäden aus ihrem Netz, legte es behutsam in eine kleine Schachtel und verabschiedete sich mit den Worten: „Mein Name ist Jan, kleine Spinnenkönigin, sei nicht traurig, ich komme morgen wieder, und dann erzähle ich dir, warum ich vorhin so traurig war“.

Er kletterte die Leiter herunter, rief laut: „Dann bis morgen,“ und schloss hinter sich die Tür.
Melissa konnte den neuen Tag gar nicht mehr erwarten, so freute sie sich auf ihren kleinen Freund.
Als die Nacht vergangen und der Hahn gekräht hatte, öffnete sich auch schon bald die Hüttentür, und man hörte den Jan rufen:
„Guten Morgen schöne Königin, aufgewacht, ich bin es dein Freund“.
Eiligst kletterte der Junge hinauf zu seiner neuen Bekanntschaft und legte sich glücklich in das Stroh. Die Spinne begrüßte ihn mit ihren zauberhaften Klängen und der kleine Mann begann zu erzählen:
„Meine Mutter hat uns verlassen, weil mein Vater sie oft geschlagen hatte. Das Geld, das er als Weber verdiente, brachte er sofort ins Wirtshaus, um sich dann an dem teuren Wein zu berauschen. Spät in der Nacht kam er dann heim, weckte meine Mutter, verlangte nach Essen, das wir nicht hatten. Dann schlug er alles entzwei, ja auch mich schlug er öfters wenn ich nicht genug Tücher webte und sie dann auf dem Markt verkaufte. Wenn ich kein Geld heimbrachte, konnte er nicht ins Wirtshaus und bekam auch keinen Wein. Daran hat sich bis heute nichts geändert.
Oft fühle ich mich einsam, sehne mich nach meiner Mutter und immer wieder knurrt mir mein Magen. Dann möchte ich mich richtig sattessen, aber ich habe nichts zu beißen und kann oft vor Hunger nicht einschlafen“.
Als Melissa das hörte, musste sie weinen, und kleine silberne Tröpfchen rollten ihr feines Spinnennetz entlang. Gerne hätte sie ihn in den Arm genommen und getröstet, aber dies blieb ihr als Spinne verwehrt. Sie zupfte mit ihren Beinchen einen goldenen Faden aus ihrem Netz und schob diesen behutsam auf Jan zu. Der bedankte sich artig, legte auch diesen in seine Schachtel und versprach, jeden Tag seine Spinnenkönigin zu besuchen.
Viele Zeit war ins Land gezogen, und die beiden Freunde hüteten ihr Geheimnis dass kein anderer Mensch es entdecken konnte. Jedes Mal, wenn Jan sich verabschiedete, schenkte sie ihm einen silbernen oder einen goldenen Seidenfaden,  so dass seine Schachte bald bis obenhin gefüllt war.
Eines Tages setzte sich Jan im Haus seines Vater vor den Webstuhl, öffnete seine kleine Schachtel und begann die Fäden zu einem Tuch zu verarbeiten.
Als dieses fertig war, bestaunte er sein glitzerndes Werk und schlief dann ungewollt und übermüdet vor dem Webstuhl ein.

 „Wach auf, du Taugenichts“, hörte Jan im Halbschlaf eine tiefe Stimme rufen, „was sitzt du hier vor einem leeren Webstuhl und schläfst? Hatte ich dir nicht aufgetragen ein Tuch zu weben?“
Jan schreckte zusammen und schaute in das zornige Gesicht seines Vaters.
„Aber Vater, schau doch was ich gewebt habe“, sagte der Junge mit weinerlicher Stimme und zeigte auf sein glänzendes Tuch. „Welches Tuch, ich sehe kein Tuch, du Tölpel. Willst mich wohl foppen, du Narr. Gehe in die Küche und mache mir zu essen, sonst setzt es was“,
drohte der Alte und verließ wütend den Raum.
Jan konnte es nicht glauben, dass sein Vater das Tuch nicht sehen konnte, dachte sich aber: „Was soll’s, er hat wohl wieder zuviel Wein getrunken“.
Schnell spann er sein glänzendes Werk aus dem Webstuhl und band es sich um den Hals, verknotete es und machte sich auf den Weg in die Küche, um nach etwas Essbaren für den Alten zu suchen. Als dieser in die Küche kam brüllte er: „Wo steckst du, du Satansbraten, ich will was zu essen, wo hast du dich versteckt?“
Jan stand versteinert vor Angst mitten in der Küche, dennoch konnte der tobende Vater ihn nicht sehen. Da dämmerte es dem Jungen: „Das Tuch macht mich unsichtbar, deshalb konnte Vater es vorhin nicht sehen“.
So schnell ihn seine kleinen Beine tragen konnten, lief er zur Scheune, um seiner kleinen Freundin die freudige Nachricht mitzuteilen.
Dort angekommen und noch völlig außer Atem, berichtete er seiner kleinen Spinnenkönigin von den Geschehnissen der letzten Stunden.
Bald darauf hörte man den Vater, der mit einem Knüppel bewaffnet und lauthals schreiend, sich der schützenden Hütte näherte. „Er kommt, er kommt hierher“, wimmerte Jan vor Angst, „was soll ich tun, wenn er mich erwischt, schlägt er mich grün und blau“. Zitternd vor Angst versteckte er seinen kleinen Körper hinter einem großen Heuballen.

Auch die Spinne ergriff die Flucht und suchte Schutz hinter einem Balken, aber durch ihre schnellen Bewegungen fing das Netz so sehr an zu zittern, dass die Klänge, die sonst so sanft und melodisch ertönten, diesesmal schrill und laut waren.
„Wenn Vater die Spinnenkönigin entdeckt, ist es um sie geschehen“, durchfuhr es eiskalt den Jungen, und blitzschnell löste er den Knoten seines Halstuches und warf es über das Netz der Spinne. Damit rettete er ihr Leben und brachte sein eigenes in Gefahr.
Genau in diesem Moment öffnete sich die Scheunentür, und der Vater stand drohend im Scheunenraum.„Da bist du ja, du Sohn einer Teufelin“, brüllte der Alte, hob den Knüppel und wollte auf den Jan einschlagen, als plötzlich eine zornige Stimme ertönte: „Wage es nicht den Jungen zu schlagen, sonst wirst du es dein Leben lang bitter bereuen“.
Dort, wo einst das Spinnennetz war, stand Melissa in menschlicher Gestalt und in all ihrer Schönheit. Dem Alten durchfuhr aber ein solch großer Schreck, dass er die Flucht ergriff und hilfeschreiend das Weite suchte.
„Wer bist du?“ fragte verwundert der kleine Jan und konnte sich an der schönen Frau nicht satt sehen. Melissa liebherzte den Jungen und erzählte von ihrem Schicksal. Sie erzählte von ihrem Land, ihrem Vater und dem Zauber der bösen Hexe Penele, den nur ein mutiges Herz, ganz jung, klein und rein beenden konnte.
„Du mein Kind hast mich durch deinen Mut aus diesem furchtbaren Alptraum gerettet, und als Dank dafür darfst du mich auf mein Schloss begleiten und immer an Sohnesstatt an meiner Seite leben“.
„Ja weißt du denn nicht, dass dein Vater tot ist und die böse Königin nun auch Herrscherin über dein Land ist?“ fragte verwundert Jan und schaute sie mit großen fragenden Augen an.
„Das ist ja furchtbar“, sagte erschüttert die Prinzessin, „ich muss sofort zurück in das Schloss meines Vaters, um noch größeres Unheil von meinem Volk abzuwenden“.
Sie erteilte dem Jan den Auftrag in das nahegelegene Dorf zu laufen, und um Hilfe zu bitten. Alle Pferde, die stark und gesund waren, sollte man satteln und ein jeder, der guten Mutes war, sollte Prinzessin Melissa auf den Weg zum Land des Glücks dorthin begleiten.
Es fanden sich viele tausend Menschen, die der Prinzessin helfen wollten, und als sich alle vor der kleinen Holzscheune versammelt hatten, bestieg Melissa ein für sie bereitgestelltes Pferd und rief ihren Begleitern zu: „Holen wir uns die Krone zurück, und befreien wir unser Volk von Elend und Armut“.
Dann ritten alle eiligst los, denn es war ein weiter Weg und keine Zeit zu verlieren.
Drei Tage und drei Nächte brauchte die Reiterschar, um an die Tore des Schlosses im Land des Glücks zugelangen.
Die Nachricht, dass ihre geliebte Prinzessin lebt und ihren Thron zurückerobern will, verbreitete sich dort blitzschnell und jeder der konnte nahm sich einen Knüppel oder Stock und lief so schnell er konnte in Richtung Schloss, um Melissa hilfreich zur Seite zu stehen.
Dann stand Melissa endlich vor der Hexe und ihrem hinterhältigen Sohn.
„Warum bist du nicht tot, ich hatte doch befohlen dich zu erschlagen“, keifte und zischte Penele als sie Melissa erblickte und suchte feige Schutz hinter einer Säule.
„Kennst du deinen eigenen Zauber nicht mehr“, fragte Melissa, „hast du nicht gesagt, dass ein mutiges Herz, ganz jung, klein und rein, mich befreien kann?“
Penele fluchte, zeterte, spuckte Gift und Galle, dann jammerte sie wehklagend und hinterhältig und bat die Prinzessin scheinheilig um Gnade.
„Ab in den Kerker mit ihr und ihrem herzlosen Sohn“, befahl Melissa, „ihr Leben lang sollen sie bei Wasser und Brot eingesperrt bleiben“.
Sofort wurden beide in Ketten gelegt und in das dunkle Verließ geführt. Danach hatte man nie wieder etwas von ihnen gehört.

Am Tag darauf lagen beide Länder, das Land des Glücks und das Reich der Schatten im Freudentaumel, denn man feierte die Krönung der Prinzessin. Von nun an war sie Herrscherin über beide Länder, und der kleine Jan war von nun an ihr Sohn und somit auch der spätere zukünftige König.
Königin Melissa verteilte unter dem Volk alle Schätze und Reichtümer, die ihnen die Hexe gestohlen hatte, und somit gab es keine Armut mehr.
Ihrem kleinen Jan aber erzählte sie jeden Tag von ihrem geliebten und warmherzigen Vater, damit er rechtzeitig lernte, zwischen Gut und Böse zu unterscheiden und er auch einmal ein gerechter König werden konnte.


ENDE

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