Götter der Meere


Vor Tausenden von Jahren lebte im Meer der Welten ein Gott, der sich in eine Frau verliebte, deren Herkunft nicht wie seine das Meer war, sondern sie war eine schöne Prinzessin vom Land. Als sie sich damals ineinander verliebten, machte er sie zu seiner Göttin und schenkte ihr die Gabe, unter Wasser leben zu können. Er hatte aber nicht die Macht, ihr ewiges Leben und somit Unsterblichkeit zu geben.
Sie lebten viele Jahre glücklich miteinander, und es kam der Tag, an dem sie ihm einen Sohn schenkte. Kurze Zeit darauf erkrankte sie so schwer, daß sie verstarb und ihren geliebten Gemahl und ihr Kind für immer verließ. Der traurige Gott wickelte seine tote Gemahlin in Algen, brachte sie zur Oberfläche des Meeresspiegels und legte den Leichnam am Ufer ab, damit die Menschen ihn finden konnten. Dort sollten sie ihn in geweihter Erde begraben, denn nur da konnte sie ihre ewige Ruhe finden.
Und jedesmal, wenn der Gott der Meere über seine Frau trauerte und weinen mußte, sah man vom Ufer aus meterhohe Wellen sich aufbäumen, und man hatte das Gefühl, das Wasser würde über die Ufer treten, um das Land zu verschlingen.
Seit dieser Zeit sind viele hundert Jahre vergangen. Der Knabe wurde mit all der Liebe, die ihm sein Vater geben konnte, aufgezogen und wuchs zu einem stattlichen jungen Mann heran. Und je älter dieser wurde, um so größer wurde die Ähnlichkeit zu seiner verstorbenen Mutter. Wenn der Gott seinen Sohn anschaute, gab es ihm einen Stich ins Herz, und er mußte an sein geliebtes Weib denken.             
Jedesmal, wenn sein Sohn nach seiner Mutter fragte, bemerkte der Vater bei ihm ein ungeduldiges und unzufriedenes Verhalten, das er sich nicht erklären konnte. Als dieser dann eines Tages erfuhr, daß seine Mutter eine Menschliche war, brach er zusammen und gestand seinem Vater, daß ihn die Sehnsucht nach dem Land beinahe das Herz zerbrechen würde. Er hätte keine andere Wahl das Meer zu verlassen, um auf dem Festland seine wahre Identität zu suchen.
Der Vater versuchte ihn mit allen Mitteln von seinem Vorhaben abzubringen, stand aber seinem Plan machtlos gegenüber, und bevor er sich der Gefahr aussetzte, daß die Liebe seines Sohnes zu ihm in Haß umschlagen würde, willigte er seinem Vorhaben ein und sprach zu ihm: „Rados, mein Sohn, in deinen Adern fließt nicht nur das göttliche Blut der Meere, sondern auch das deiner Mutter. Wenn du also gehen mußt, dann werde ich dich ziehen lassen, aber bedenke, du kannst nicht immer auf dem Land leben. Einmal im Monat, wenn der Vollmond scheint, mußt du für diese Nacht zurück ins Meer kommen um deine Lebensenergie zu erneuern. Tust du das nicht oder verspätest du dich, wirst du diese Nacht nicht überleben und mußt sterben.“
Rados nahm seinen Vater in die Arme und verabschiedete sich stillschweigend. Er schwamm nach oben an die Wasseroberfläche, dann in Richtung Strand und legte sich erschöpft und müde in den Sand.
Als er erwachte, sah er zum ersten Mal das Sonnenlicht. Ein Gefühl des Glücks übermannte ihn, und er schaute sich mit großen und erstaunten Augen seine Umgebung an. Dann stellte er sich etwas unbeholfen auf seine Beine, die ja nur an das Schwimmen gewöhnt waren, und setzte vorsichtig einen Fuß vor den anderen. So ging er mehr schlecht als recht den Strand entlang, als er an ein Fischerdorf gelangte.

Aus gebührender Entfernung beobachtete er das Treiben dort. Die Menschen liefen hin und her, die Tiere grasten auf ihren Weiden und die Gipfel der Bäume bewegten sich langsam zu der Melodie des Windes.
Er faßte all seinen Mut zusammen und machte sich auf den Weg zum Dorf.
Zum ersten Mal in seinem Leben hatte er Hunger, und sein Magen knurrte. Er traf auf eine Bäuerin und bat um etwas zu essen. Die sagte verwundert zu dem Fremden: „Du kommst aus der Ferne und hast keine Taler bei dir? Bist du gar ein Bettler, ein Habenichts? Wir müssen alle hier für unser Brot hart arbeiten. Gehe zu meinem Mann, er soll dir Arbeit geben und wenn du diese verrichtet hast, bekommst du auch zu essen.“
Der Bauer gab ihm die Aufgabe den Stall zu säubern und den Mist zu häufen. Mißtrauisch wurde er von den beiden dabei beobachtet. Erst dann bekam Rados etwas zu essen. Da er aber ein guter Arbeiter und kräftiger Bursche war, boten die Bauersleute ihm an, auf ihrem Hof zu bleiben und gegen Kost und Logis als Knecht für sie zu arbeiten.
„Aber eine Bedingung stellen wir an dich,“ sagte drohend der Bauer zu Rados. „Hände weg von unserer Tochter, sie ist einem anderen versprochen und soll einmal einen reichen Hofbesitzer zum Mann nehmen.“
Der gab sein Versprechen und dankte ihnen ihr Vertrauen indem er seine Arbeit zur vollen Zufriedenheit der beiden verrichtete.
Rados schaute an einem Abend aus seinem Kammerfenster und sah den Vollmond am Himmel stehen. Er dachte an die mahnenden Worte seines Vaters und machte sich auf den Weg zum Strand. Das Meer war unruhig und etwas Bedrohliches lag über ihm. Er tauchte in die Fluten und machte sich auf den Weg zu seinem Vater.
Dort angekommen, sagte der Meeresgott mit bebender Stimme zu seinem Sohn: „Du bist in Gefahr. Hüte dich vor einem Menschen, der es nicht gut mit dir meint.“ Rados winkte lachend ab und erzählte seinem Vater von dem Bauer und der Bäuerin, die es gut mit ihm meinten und die ihm eine Herberge und zu essen gaben. „Nicht die beiden sind es,“ rief der König vor Erregung, „sondern die Tochter. Hüte dich vor ihr und traue keiner ihrer Liebkosungen. Sie, genau diese bringt dein Leben in Gefahr, und wenn du ihren Liebreizen nicht widerstehst, wirst du für immer verloren sein.“
Rados bedankte sich bei seinem Vater für die Ermahnungen und versprach ihm, auf der Hut zu sein und sein Leben nicht leichtsinnig aufs Spiel zu setzen. Dann machte er sich wieder auf den Weg zur Wasseroberfläche und weiter zum Dorf.
Weitere Tage vergingen, und Rados hatte die mahnenden Worte seines Vaters schon längst vergessen.
So vergingen Monat für Monat. Rados verrichtete seine Arbeit auf dem Hof und war für die Bauersleute eine große Hilfe.
Und jedesmal, wenn der Vollmond am Himmel stand, tat er wie ihm sein Vater geheißen hat und tankte seine notwendige Lebensenergie aus dem Meer.

Die Bauerstochter wurde von Tag zu Tag schöner. Ihr blondes Haar glänzte wie Gold in der Sonne, und ihre leicht gebräunte Haut ließ ihre Schönheit noch mehr zur Geltung kommen. Sie hatte wohl bemerkt, daß Rados immer zur selben Zeit zum Strand lief und nahm an, daß er sich dort mit seiner Liebsten traf. Obwohl sie einem anderen versprochen war, waren diese angeblichen Treffen der Schönen ein Dorn im Auge, und sie wollte ihn in der nächsten Vollmondnacht von seinem Vorhaben abhalten.
Sie machte sich daran, den jungen Mann zu umgarnen. Sie schenkte ihm hier ein Lächeln, und dort warf sie ihm fröhlich lachend einen Handkuß zu. Rados war so uneins mit seinen Gefühlen, daß er nicht merkte, was sie eigentlich vorhatte. Jedesmal, wenn er die schöne Bauerstochter sah, schlug sein Herz ihm bis zum Hals, und er wünschte sich nichts sehnlicher als sie in seine Arme zu schließen.
Am Abend der Vollmondnacht sagte sie zu ihm: „Es ist so ein schöner Abend, möchtest du nicht mit mir in den Wald gehen, um dort die Rehe und die Hirsche zu beobachten? Wenn die Dunkelheit hereinbricht, kann man sie unter dem
Sternenhimmel  besonders gut sehen.“ „Endlich mal mit ihr alleine sein,“ dachte sich der verliebte Rados und willigte freudig ein. Er hatte ja keine Ahnung, was sie vorhatte. Ihr einziges Ziel war es, ihn abzuhalten, sich bei Vollmond auf den Weg zum Meer zu machen.
Sie faßten sich beide bei der Hand und machten sich heimlich, damit die Bauersleute nichts merkten, auf den Weg zum Wald. Langsam brach die Nacht herein, und die Sterne funkelten am Himmel. Daß man durch die vielen Tannen den Mond nicht sah, hatte die Schöne wohl bedacht.
Sie breitete eine Decke aus, und beide legten sich abwartend darauf. Von den Tieren war aber nichts zu sehen.
„Wo sind denn die Rehe,“ fragte Rados flüsternd und merkte, daß es ihm nicht besonders gutging. „Warte nur,“ sagte sie, „je länger wir warten, je mehr Tiere werden wir sehen können.“
Rados ging es immer schlechter. Er krümmte sich vor Schmerzen und bekam kaum noch Luft zum atmen. Die Bauerstochter sprang erschrocken auf und lief eiligst davon. Sie ließ ihn allein im Wald zurück und holte auch vor Angst vor ihrem Vater keine Hilfe.
Rados durchschaute erst jetzt ihren Plan und schrie unter großen Schmerzen: „Vater, das habe ich nicht gewollt. Du hast mich gewarnt, und ich habe nicht auf dich gehört. Bitte verzeihe mir, nun wirst du auch mich für immer verlieren.“
Dann wurde alles schwarz um ihn herum, und er mußte sich seinem Schicksal ergeben.

Der Gott der Meere wußte von der Not seines Sohnes und war über die Bauerstochter so sehr erzürnt, daß er alle Götter zusammenrief und um deren Hilfe bat. Der Gott des Donners, der des Blitzes und der des Sturmes, alle taten sich zusammen, um Rados zu retten. Sie ließen die Wellen des Meeres hochschnellen und das Wasser stieg über die Ufer. Ein heftiger Sturm mit Hagel und Regenschauern peitschte über das Land. Mehr und mehr stieg das Wasser und überschwemmte das ganze Dorf bis die rettenden Fluten den Wald erreichten.
Rados lag bewußtlos und im Todeskampf auf der Decke, als das Wasser ihn bedeckte und ihn mit sich riß.
Klagend hielt der Gott der Meere seinen Sohn im Arm. Das Unwetter hatte sich längst zurückgezogen. Stille war am Meeresgrund. Der Vater streichelte zärtlich über die Haare seines Sohnes und bangte um dessen Leben.
„Ich konnte auch dir wie deiner Mutter keine Unsterblichkeit geben, “flüsterte der Gott, „aber wenn dein göttliches Blut der Meere stärker ist als das des Menschen, wirst Du den Kampf gegen den Tod gewinnen.“
Und sein göttliches Blut war stärker.
Rados öffnete seine Augen, sah in das Gesicht seines traurigen Vaters und fing an zu weinen. Er weinte darüber, daß ihn ein geliebter Mensch so sehr enttäuscht hatte, weinte darüber, daß er seinem Vater so viel Leid gebracht hatte und weinte vor Freude, daß er sich gemeinsam mit ihm Gott der Meere nennen durfte.


Ende


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