Im Schloss der tausend Tränen


Es war einmal vor langer Zeit ein kleines Dorf, in dem nur rechtschaffene und fleißige Menschen lebten. Jede Familie hatte ihr eigenes kleines Häuschen, kunterbunt in den fröhlichsten Farben bemalt und mit einem Dach aus schützendem Stroh. Sie bestellten ihr Land, versorgten mit viel Liebe ihr Vieh und hatten reichlich zu essen. Sorgen waren ihnen fremd, und so lebten sie fröhlich in den Tag hinein. Bis zu jener Stunde, die alles verändern sollte.
Zwei Liebende, Jan, Sohn eines Schusters und Martha, Tochter eines Bauern, waren von einem Tag auf den anderen spurlos verschwunden.
Die sofort eingeleitete Suche nach den beiden blieb ergebnislos. Keiner hatte sie jemals wiedergesehen, und viele Gerüchte kursierten im Dorf herum. Einer meinte, sie wären im See ertrunken, ein anderer glaubte, sie hätten sich im nahegelegenen Wald verlaufen und wären von den Wölfen gefressen worden. Andere flüsterten hinter vorgehaltener Hand, dass es bestimmt etwas mit dem unheimlichen, finsteren und verlassenen Schloss zu tun hätte, in dem nur Geister und böse Mächte wohnten.

Ein jeder hatte etwas gehört oder glaubte etwas zu wissen, aber keiner von ihnen kannte die Wahrheit. Seit jenem Tag lag ein dunkler Schatten über dem Dorf.
So vergingen ein paar Jahre, und kaum jemand verlor mehr einen Gedanken an die beiden, nur der Vater des Mädchens hatte seit dem Verschwinden seiner Tochter kein Wort mehr gesprochen. 

Und wieder neigte sich ein schöner Sommer dem Ende zu. Abends wurde es schon recht kühl, deshalb sagte eine Dorfbewohnerin zu ihrem kleinen Sohn: „Ole, bitte gehe morgen in den Wald und sammle dort die herabgefallenen Tannenzapfen ein. Wir brauchen sie, um abends ein kleines Feuerchen in unserem Ofen anzufachen“.
Am nächsten Morgen machte sich Ole auf den Weg und tat was ihm die Mutter aufgetragen hatte.
Er nahm sich einen kleinen Sack und machte sich fröhlich pfeifend auf den Weg in den nahegelegenen Wald. Dort angekommen sammelte er flink und behände die kleinen Zapfen auf.

Ein kleiner, bunter Vogel begleitete seinen Weg und erfreute den Jungen mit seinem Gesang. Der kleine Ole war so sehr mit seiner Aufgabe und mit den schönen Melodien des Vogels beschäftigt, dass er gar nicht bemerkte, dass er vom Weg abgekommen war und sich nun mitten im Wald, in der unmittelbaren Nähe des finsteren Schlosses, befand.
„Sieh nur was du mit deinem Gesang angerichtet hast“, flüsterte der Knabe leise seinem Wegbegleiter zu, „nun habe ich mich verlaufen und finde den Weg zum Dorf nicht mehr“.
Der Vogel flatterte aufgeregt von Ast zu Ast und fing noch lauter, noch schöner an zu singen, als wollte er dem Ole sagen, er solle seinen Weg fortsetzen und ihm folgen. Das tat er dann auch zögernd und stand bald vor Angst zitternd, aber dennoch neugierig vor den Toren des Schlosses.
Zaghaft klopfte er mit seinen kleinen Händen gegen die schwere, morsche Tür. Wie von Geisterhand öffnete sich diese laut karrend, und der kleine Mann trat, nach dem er all seine Mut zusammen genommen hatte, ein. Zunächst umgab ihn Dunkelheit, nur da und dort erhellte eine kleine Fackel den unheimlichen Raum, und schemenhaft konnte er eine Gestalt erkennen, die schauderhafter nicht sein konnte. Er erkannte einen Greis in buckliger Gestalt, seine Augen waren blutunterlaufen, seine Ohren so groß und spitz wie die einer Fledermaus, und seine Haut war ledernd und voller Warzen.
„Komm näher“, hörte Ole eine tiefe aber dennoch warmherzige Stimme rufen, und folgte herzklopfend der Aufforderung.

„Wer bist du, und woher kommst du?“ fragte der Alte, der sich aus dem Schein der Fackeln entfernte, um sich Schutz in der Dunkelheit zu suchen. Damit wollte er dem kleinen Gast seinen grauenvollen Anblick ersparen.
„Ich heiße Ole, komme unten aus dem Dorf und habe mich verlaufen, und wer bist du?“ sagte und fragte er schon etwas vertrauensvoller und trat noch ein paar mutige Schritte näher.
„Man nennt mich Barnabas den Schrecklichen, und der kleine Vogel ist mein Leidensgefährte und Wegbegleiter. Ich weiß nicht wer ich bin, auch nicht woher ich komme, weiß nicht wie alt ich bin und auch nicht wie lange ich hier schon lebe. Mich quält die Einsamkeit und die Traurigkeit über eine vergessene Liebe“.
Nach einer fast endlos langen Stille sprach er dann weiter: „Bitte bleibe, sei einige Zeit mein Gast, vielleicht kannst ja du mein Herz ein wenig erfreuen“.
Er bat darum mit solch einer traurigen Stimme, das der Junge dass Gefühl hatte, sein Herz würde sich zusammenziehen.
„Meine Mutter wird sich ängstigen“, dachte Ole bei sich, versprach aber dennoch für eine Weile zu bleiben.
„Gut“, sagte dieser, „sei willkommen. Nimm diesen goldenen Fingerhut und fülle ihn jeden Tag einmal mit Wasser aus der Quelle im Kellergewölbe, dann gib dem Vogel davon zu trinken. Vergiss es aber nicht, denn es ist wichtig. Vergisst du es nur einmal, so muss er qualvoll verenden“.
Der Knabe nahm bedächtig den Fingerhut, an dem ein glitzerndes Kettchen befestigt war und hängte dies um seinen Hals.
Der Greis drehte sich um, schleppte sich stöhnend eine Treppe, aus schwerem Marmor hinauf und verschwand hinter einer großen, mit Eisen beschlagenen Tür.
Ole dagegen machte sich auf die Suche nach der besagten Quelle, um den Vogel mit frischem Wasser zu versorgen. Kaum hatte er diese gefunden, kam auch schon freudig der singende kleine Freund angeflogen und trank von dem köstlichen Getränk, das ihm der Knabe reichte.
Der alte Barnabas ließ sich an diesem Abend nicht mehr sehen, und so suchte sich der Ole ein gemütliches Plätzchen in der Nähe einer wärmenden Fackel und bereitete aus Stroh und Decken sein Nachtlager.
Als die Nacht hereinbrach, konnte er aus der Kammer, in der der bucklige Greis verschwand, ein lautes Wehklagen hören. Ja es war eher ein bitterliches Schluchzen und Weinen. Mitleidsvoll lauschte er dem Geräusch und nahm sich fest vor, hinter das Geheimnis des Alten zu gelangen, dann schlief er ein.
Als die Morgensonne mit ihren ersten Strahlen den Jungen wachkitzelte, sprang dieser sofort von seinem Nachtlager auf, eilte zur Quelle und füllte seinen Fingerhut mit Wasser. Danach versorgte er den kleinen Vogel und rief nach dem alten Mann.
Dieser kam aus seiner Kammer und nahm den Jungen behutsam bei der Hand und flüsterte: „Eines musst du dir merken, du darfst niemals meine Kammer betreten und auch dann, wenn du mich wieder verlässt, mit keiner Menschenseele darüber reden, was du hier gesehen, gehört und erlebt hast. Kannst du mir das versprechen?“
„Ja“, aber ja doch, gewiss“, sagte Ole verlegen, und ihm fiel sein gefährlicher Plan wieder ein.
Am darauffolgenden Abend nahm er sich vor, in die Kammer des Buckligen zu schleichen und ihn heimlich zu beobachten. Bevor sich der Alte, wie am Vorabend, zurückzog, tastete sich Ole leise die Treppe hinauf, öffnete vorsichtig die Tür und verschwand hinter einem der Dachbalken, die die Zimmerdecke des Raumes stützten.
Kaum war er hinter diesem verschwunden, betrat Barnabas auch schon den Raum. Er setzte sich vor das Fenster und schaute zum nächtlichen Himmel hinauf und wehklagte:

„Oh du mein Herz, oh du geliebtes mein,
sieh nun hier des Mondesschein allein.
Kann all das Leid nicht mehr ertragen,
kann weder Wind noch Sterne fragen.
Wo bist du, wo kannst du nur sein?
Oh du mein Herz, oh du geliebtes mein“.


Eine große Träne kullerte aus seinen Augen und als sie auf den Boden fiel und diesen berührte, verwandeltete sie sich sofort in einen funkelnden Diamanten.
Als dies alles der Ole hörte und sah, wurde auch er sehr traurig. Er harrte aber dennoch  solange hinter seinem Versteck aus, bis der alte Mann endlich eingeschlafen war. Dann schlich er sich aus dessen Kammer und legte sich auf sein Lager. Unruhig und verwirrt ließ er das Erlebte sich noch einmal durch den Kopf gehen.
Welch ein großer Zauber steckte hinter alledem? Warum sah Barnabas so aus, warum wich der kleine Vogel nie von seiner Seite, und warum verwandelten sich seine Tränen in Diamanten?
Der Knabe wurde in seiner Neugier so sehr gestärkt, dass er den Alten solange nicht mehr aus den Augen lassen wollte, bis er hinter all die Geheimnisse und Zaubereien gekommen war.
Unausgeschlafen und noch überwältigt von dem Erlebten, eilte Ole zur Quelle und wollte das Wasser für den Vogel holen. Doch die Quelle war versiegt und gab keinen von den kostbaren Tropfen mehr frei. Mit Schaudern musste er daran denken, was ihm der Greis gesagt hatte.
„Dass nun das Vögelchen jämmerlich verdurstet, darf ich nicht zulassen. Ich muss frisches Wasser für ihn finden“, dachte er bei sich, aber so sehr er auch im ganzen Schloss suchte, es gab es keinen Brunnen und somit keine weitere Wasserquelle.
Traurig und völlig hilflos saß Ole schluchzend in einer Ecke und fühlte sich schuldig, denn er war der Meinung, dass nur durch seine Neugier dieses Unglück herbeigerufen wurde.
Hatte ihn Barnabas nicht gewarnt, hatte er ihn nicht ermahnt und ihm verboten, jemals seine Kammer zu betreten?
Da fiel ihm sein nächtliches Erlebnis wieder ein, und ihm kam der rettende Gedanke. Abermals musste er des nachts in die Kammer des Alten, um ihn zu beobachten. Er wollte sich heimlich anschleichen und die Träne, die er vergoss mit seinem goldenen Fingerhut auffangen. Er musste behände vorgehen, denn sobald sie den Boden berührte, wäre sein Plan gescheitert, und sie würde sich in den Stein verwandeln.
„Ja, das ist die Lösung, damit hätte ich eine Chance den Vogel zu retten und mein Ungehorsam wieder gutzumachen“, dachte er bei sich und bereitete sich auf sein Vorhaben vor.
Und wieder versteckte sich Ole hinter dem Holzbalken und wartete auf Barnabas.
Als dieser vor seinem Fenster saß und abermals den nächtlichen Himmel ansah, schlich sich der Knabe leise von hinten an den Alten heran. Gerade in diesem Moment rollte dem eine Träne über die Wange. Schnell streckte Ole die Hand, mit der er den Fingerhut hielt, aus und fing die Träne geschickt darin auf.
Nun brauchte er nur noch abzuwarten bis der alte Mann eingeschlafen ist, dann konnte er sich mit seinem kostbaren Getränk für den kleinen Freund aus dem Zimmer schleichen.
Als dies alles unbemerkt geschehen war, rief er nach dem Vogel, aber er kam nicht mehr angeflogen. Voller Angst und Panik, dass es doch schon zu spät sein könnte, machte er sich auf die Suche nach ihm. Er fand ihn schwach und kraftlos in einer Ecke zusammengekauert sitzend. Schnell hielt ihm Ole den kleinen Behälter hin und beträufelte vorsichtig seinen kleinen Schnabel mit Barnabas Träne.
Kaum hatte dieser von der Flüssigkeit getrunken, gab es einen fürchterlichen Knall, dichter Rauch stieg empor, und eine Druckwelle schleuderte den Jungen gegen die Wand.
Benommen und starr vor Schreck stand Ole da und sah schemenhaft eine Frauengestalt aus dem Rauch steigen. Er sah in ein wunderschönes lächelndes Gesicht und hörte wie aus weiter Ferne eine zarte Stimme sagen: „Danke, vielen Dank für deinen Mut. Aber die Zeit eilt, denn das Unheil ist noch nicht beendet. Du darfst Barnabas, dem Schrecklichen, nichts von meiner Erlösung erzählen. Kein Sterbenswörtchen über meinen Verbleib darf über deine Lippen kommen, sonst war alles umsonst, versprichst du mir das?“
Noch zitterten Oles kleine Knie, dennoch gab er hoch und heilig sein Versprechen ab.
Dann eilte die Schöne hinaus in die sternenklare Nacht und ließ den Jungen mit seinem Schicksal und mit dem alten Mann allein zurück.
„Wo ist mein Wegbegleiter?“ hörte Ole die polternde und ungeduldige Stimme von Barnabas. „Ich habe ihn den ganzen Tag noch nicht gesehen“.
„Ich auch nicht“, entgegnete der Kleine kleinlaut und bemerkte einen dicken Kloß in seinem Hals. Fast wahnsinnig vor Angst suchte Ole Schutz hinter einer Säule und beobachtete den Greis, wie er hektisch in allen Ecken nach dem Vogel suchte.
Dann warf Barnabas sich einen Umhang über, riss die Schlosstür mit solch einer Gewalt auf, dass sie aus den Angeln riss und krachend auf  dem steinharten Schlossfußboden zerschellte.
Schreiend mit den Worten: „Oh welch ein Unglück, oh welch ein Unheil“, rannte er in die helle Vollmondnacht hinaus.
Ole überlegte, ob er ihm folgen sollte, oder ob es nun doch besser für ihn sei, die Flucht zu ergreifen, aber er musste an die schöne Fremde denken und an all das Unerklärbare, deshalb entschied er sich, den Greis aus sicherer Entfernung weiterhin zu beobachten und ihn nicht aus den Augen zu lassen.
Eine zarte Stimme untermalte den leisen Wind, die sich immer und immer wieder wiederholte: „Jan, erinnere dich, Jan, erinnere dich“.
Zuerst glaubte Ole, seine Ohren spielten ihm einen Streich, aber auch Barnabas vernahm die Stimme, und seine Schritte wurden immer schneller, so schnell, dass die kleinen Beinchen des Jungen kaum mithalten konnten.
„Ich erinnere mich, oh ja, ich erinnere mich“, schrie der Alte laut und machte dann endlich vor einer ihm wohlbekannten, kleinen Bank am Waldesrand halt.
Dort saß die fremde Schönheit, das helle Mondlicht ließ ihr Gesicht noch schöner erscheinen, als es schon war. Zögernd und unsicher näherte sich Barnabas der jungen Frau und streckte ihr seine Arme entgegen.
Langsam erhob sich die Fremde und umarmte den Greis und gab ihm einen zaghaften Kuss.
Und wieder gab es einen großen Knall, und abermals stieg ein dichter Nebel auf, und ebenso  überkam eine Druckwelle den kleinen Ole, der sich tapfer im Hintergrund an einem Baum festklammerte.

„Martha, endlich darf ich dich wieder in meine Armen nehmen“, sagte überglücklich der schöne und kräftige Jüngling, der aus dem dichten Rauch stieg. „Tausend Tränen habe ich um dich geweint, doch nun hat dieser böse Spuck für immer ein Ende. Barnabas, den Schrecklichen, gibt es nicht mehr“.
Während sich die beiden glücklich in den Armen lagen, hörte man den Jungen hinter seinem Versteck leise weinen. All diese Erlebnisse, und die damit verbundenen Ängste, waren zuviel für seine kleine Kinderseele.
„Komm herbei, du großer Held“, riefen die Verliebten, „du brauchst nun keine Angst mehr zu haben, schließe dich uns an und begleite uns in unser Dorf“.
Als der Knabe sich ein wenig gefasst hatte und sich in der Mitte der beiden, händehaltend in Sicherheit wiegte, fragte er nun wieder neugierig: „Warum wart ihr verzaubert, und wer hat euch das alles angetan?“
Martha antwortete: „Wir wissen es selbst nicht“, und Jan bemerkte etwas zornig: „vielleicht bekommen wir im Dorf eine Antwort darauf. Irgendeinen Grund wird es dafür geben, und den werden wir erfahren“!
Als das glückliche Trio im Heimatdorf eintraf, war der Jubel groß. Alle Einwohner eilten herbei, um sie freudig zu begrüßen. Vor allem Oles Mutter.
„Junge, wo hast du nur gesteckt? Ich hatte mir solche Sorgen gemacht“, rief sie und wischte sich ihre Freudentränen aus den Augen.
Der Kleine fing an munter darauf loszuplappern. Er erzählte von Barnabas, der im geheimnisvollen Schloss wohnte und von dem Vogel, den Tränen, die zu Diamanten wurden, vom goldenen Fingerhut, und er konnte vor Eifer und Aufregung gar nicht mehr aufhören zu erzählen.
Unterdessen gingen Martha und Jan zu ihrem Vater. Als sie vor dessen Haus standen, überkam die junge Frau eine große Unruhe. „Jan“, flüsterte sie, „mir ist unheimlich. Es ist noch nicht vorbei, ich habe Angst, dass wir hier die traurige Wahrheit erfahren“.
Jan nahm seine Braut schützend in die Arme und öffnete die Tür. Als sie vor dem Bauern standen, durchfuhr ein heftiger Schmerz Marthas Herz.
Ihr Vater war um viele Jahre gealtert. Abgemagert und kraftlos saß er in seinem abgewetzten, alten Sessel. Seine Augen starrten leer und leblos auf ein Bild seiner geliebten Tochter. Als sie näher traten, richtete sich sein Blick langsam und behäbig auf die beiden jungen Menschen. Zunehmend konnten sie erkennen, wie wieder Leben in sein Körper zurückkehrte. Sein Blick wurde klarer, und ein Hauch von Lächeln lag über seinem aschfahlen Gesicht.
„Kind, Martha, bist du es wirklich?“ fragte zweifelnd der Alte mit schwacher Stimme, „sind meine Gebete endlich erhört worden? Jan, du guter Junge, hast du mir meine Tochter heimgebracht? Wie kann ich euch nur um Verzeihung bitten, denn meine Schuld ist zu groß. Ich bin es gewesen, der euch in dieses Leid gestürzt hat. Jeden Tag habe ich mir gewünscht, meine Zunge möge verfaulen, denn nur durch meinen Mund kamen die unüberlegten Worte und die Zusage, die ich dem leibhaftigen Satan gemacht habe“.
Martha und Jan setzten sich auf den Boden, zu Füßen des weißhaarigen Mannes, und baten: „Erzähle uns was damals geschehen ist. Erzähle alles von Anfang an, damit auch wir verstehen können, warum wir durch diese Hölle gehen mussten“.
Der Bauer schloss seine Augen und sprach mit leichter, zitternder Stimme:
„Es war vor einige Jahren, da betrat ein reicher Edelmann unser Haus. Er hatte von dem Liebreiz und der Schönheit meiner Tochter gehört und warb um ihre Hand. Die kostbarsten Kleider und den wertvollsten Schmuck sollte sie tragen, und um den Haushalt würde sich die Dienerschaft kümmern. Ich war von seinem eleganten Aussehen und seiner vornehmen Art so sehr geblendet, dass ich spontan einwilligte und ihm Martha versprach. Im nächsten Frühling wollte er kommen und sie als seine Frau heimführen. Dann kamst du, Jan, hast ebenfalls um Marthas Hand angehalten, und als ich in die glücklichen Augen meines Kindes sah, wusste ich, dass ich mein Versprechen dem Fremden gegenüber nicht einhalten konnte.
Als der Frühling kam, klopfte der vornehme Edelmann wieder an meine Tür. Als ich von Marthas Liebe zu dir erzählte, und dass ich aus Rücksicht und wegen des Glücks meiner Tochter von meiner Zusage zu ihm zurücktreten müsse, zeigte er sein wahres Gesicht. Der edle Herr stand plötzlich inmitten lodernder Flammen, und sein vornehmes und feines Gesicht verwandelte sich in eine hässliche Fratze.
Ich werde den Anblick seiner Höllenaugen und seinen Hörnern nie vergessen. Mit brüllender Stimme schrie er noch folgende Worte, bevor er für immer in dem Feuer verschwand:


„Magst dein Töchterchen fein loben, oder gar gen Himmel heben,
soll sie von nun an als Vogel hoch über fernen Wolken schweben.
Ihr Liebster, der fesche, feine Schusterbube,
begnadet sei er, mit Hässlichkeit, einsam und allein, in seiner dunklen Stube.  
Und du, du weiser Alter, mehr schlau als dumm,
bist von nun an taub und stumm.
Erst wenn der Vogel Tränen aus Diamanten trinkt,
eine Schönheit in seine verkrüppelten Arme sinkt,
soll euer Unheil ein Ende haben,
sollst erst dann wieder hören, reden,
und ihr alle könnt euer Leben fortan mit Freude ertragen“.

„Von jener Stunde an suchten wir nach euch. Aber alles blieb vergebens.
Nur ich alleine kannte die Wahrheit, konnte und durfte sie aber keinem preisgeben, sonst wärt ihr für immer verloren gewesen.
Nun wisst ihr über meine Schandtat Bescheid. Ich kann euch nur bitten, mir zu vergeben und mich nicht zu hassen“.
Jan und Martha hatten aufmerksam zugehört und waren erschüttert über das Geschehene und über den Leidensweg des Alten.
Martha streichelte sanft über seine Wangen, und Jan kniete sich vor den Bauern hin und fragte abermals: „Bauer, darf ich dich hiermit um die Hand deiner Tochter bitten?“
Die Augen des Vaters waren mit Tränen gefüllt, und überglücklich sprach er: „Ich könnte mir keinen braveren Schwiegersohn für mein geliebtes Kind wünschen. Ja, nimm sie zu deiner Frau, seid glücklich und zufrieden mit dem was ihr habt. Und wenn die Zeit reif ist, würde ich mich über ein Enkelchen freuen, damit ich ein guter Großvater sein kann“.
Gleich am nächsten Tag läuteten die Hochzeitsglocken der kleinen Dorfkirche. Martha und Jan wurden nun Mann und Frau. Das ganze Dorf wurde vom stolzen Brautvater zum Hochzeitsmahl eingeladen.
Jedoch an der Hochzeitstafel neben den Brautleuten und dem Brautvater war ein besonders schöner Stuhl, mit rotem Samt bezogen und mit Gold verzierten Armlehnen, frei.
„Wer soll auf diesem Stuhl sitzen?“ fragte verwundert der Bauer. „Unser Ehrengast“, erwiderten Martha und Jan wie aus einem Mund und zeigten zur Tür, die sich gerade in diesem Moment öffnete.
Stolz betrat der kleine Ole den Festsaal, dann rannte er schnurstracks auf das Brautpaar zu. Seine kleinen Arme umschlangen erst die schöne Braut, dann den Bräutigam. Danach setzte er sich mit geschwellter Brust auf seinen Ehrenplatz.
Und da nun alle vom Dorf anwesend waren, erzählten die frischgetrauten Eheleute was der mutige Knabe für sie getan hat, und dass es nur ihm zu verdanken sei, dass sie von dem Zauber befreit wurden und heute hier als Mann und Frau feiern durften.
Von jener Stunde an wurde Ole von allen als Held gefeiert, und man ließ ihn hochleben, hochleben und nochmals hochleben.


Ende

Kommentare:

  1. WOW! Das ist ja ein Traum in Lila! Schön, dass man/frau auch wieder in Dein Märchenland kann.

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    1. LOL...da steckt auch jede Menge Arbeit und viel Lila Pause drin...
      Danke dir!!!
      LG

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    2. Hallo Gito,
      freu mich, dass der Schloßgeist auferstanden ist und sich hier im Schloß wieder was bewegt. Lieben Gruß zu Dir von Frieda

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    3. Hallo Frieda...
      Das ist lieb von dir und ich grüße dich zurück!
      LG

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  2. Eine wirklich schöne Geschichte - und wunderbar erzählt.

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  3. Lieber GiTo,
    ich versuch's mal hier weiß gar nicht, wie ich dich sonst erreichen kann:
    es geht um deinen GiTo - guckst du - Blog,
    ich guck' nämlich leider nicht mehr, und weiß nun nicht, ob es an blogger liegt, das mal wieder nicht mag oder ob ich einfach gar nicht mehr gucken soll und mich durch Stille zur Karteileiche entwickelt hab (?) - die Posts erscheinen incl. Übersichtstext noch im Dashboard aber sind nicht mehr aufrufbar.
    Wenn das so geplant ist, lass alles wie es ist, und fühl dich lieb gegrüßt.
    Wenn nicht behalte den Gruß und die Blumen natürlich auch, aber schau vielleicht, ob du eine Idee hast, weshalb ich verschwunden bin oder ob ich etwas falsch eingestellt habe.. :)
    Alles Liebe,
    deine Traumkirschen

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    1. Moin, meine kleene, süße Kirsche.
      Nein, nein, nein... es hat alles seine Richtigkeit. Ich hatte den „Guckst du Blog“ versehentlich für kurze Zeit öffentlich gemacht und ihn danach wieder geschlossen. Bei Blogspot mache ich schon länger nichts mehr... da ist nur der Märchen- und der Zeichenblog einsehbar. 
      Ich bin nach wie vor bei Wordpress und treibe da meinen Unsinn... 
      Es ist überall sehr ruhig geworden, deshalb habe ich mir eine überschaubare Blog-Pause verordnet... hab ja schließlich ´nen Ruf zu verlieren, gelle???
      Sei ganz lieb gegrüßt von meinereiner!!!!

      https://rinunrutblog.wordpress.com/

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