Michaela, das Mädchen mit den grünen Augen und der Prinz


Diese Geschichte begann im Sommer, genau vor zwei Jahren. Michaela, die junge und hübsche Schuhverkäuferin wollte gerade ihren kleinen Schuhladen schließen, als es draußen leicht zu nieseln begann. Der Himmel verdunkelte sich zusehends mehr und mehr, und kurz darauf folgte ein Sturm, und der Nieselregen wurde zu einem bedrohlichen Wolkenbruch.
Ängstlich schaute die junge Frau zum Schaufenster heraus und sah, daß ein roter Sportwagen mit quietschenden Reifen direkt vor ihrem Laden hielt. Das Verdeck des Autos war offen, so daß der Wagen im Inneren genauso durchnäßt war wie sein Fahrer.
Schnell sprang der junge Mann aus seinem Wagen und suchte in Michaelas Laden Unterschlupf vor dem Unwetter.

„Sie sind ja naß wie ein junger Pudel“, lachte sie ihren Gast fröhlich an und reichte ihm ein Handtuch damit er sich abtrocknen kann. „Vielen Dank, mein Fräulein“, lächelte er zurück und trocknete sich sein triefendes, schwarzes Haar ab.
„Wenn ich so freundlich empfangen werde, dann möchte ich mich auch nützlich erweisen“, sagte er, „und auch ein paar Schuhe kaufen“.
„Gerne“, erwiderte Michaela fröhlich, „was darf es denn sein, ein Schnürschuh, ein Slipper oder gar ein paar Gummistiefel“, scherzte sie und musterte ihren Kunden heimlich aus ihren Augenwinkeln. 
„Zeigen sie mir ihre schönsten Modelle“, sagte der junge Mann und ließ sich von ihr fachmännisch beraten.
Sie kamen ins Gespräch und waren sich auf Anhieb sympathisch. Michaela erfuhr, daß er Leo Berg hieß, und daß er viel auf Reisen sei.
Nachdem er sich für ein paar passende Schuhe entschieden hatte, bedankte er sich höflich, bezahlte sie und versprach ihr, ein treuer Kunde zu bleiben.
Michaelas kleines Herz klopfte so schnell und heftig, daß sie es kaum erwarten konnte, den Leo bald wiederzusehen.
Sie brauchte nicht lange zu warten, denn am nächsten Tag stand er schon wieder in ihrem Laden. Beide begrüßten sich, als würden sich zwei Freunde, die sich jahrelang nicht gesehen haben, wiedertreffen.
Und auch dieses Mal ließ er sich lange und ausgiebig von Michaela beraten und probierte mal den und mal den Schuh an.
Beide unterhielten sich angeregt über dieses und jenes, und sie kamen sich dabei immer näher. Beim Bezahlen sagte Leo etwas schüchtern und unsicher zu Michaela: „Ich freue mich schon auf morgen, darf ich dich dann zu einem Kaffee einladen“?

„Gerne“, sagte sie überglücklich, „in meiner Mittagspause habe ich Zeit“, und ihre wunderschönen grünen Augen strahlten ihn an, daß ihm die Beine ganz weich wurden, und er das Gefühl hatte, er könnte die ganze Welt umarmen.
Punkt zwölf läutete bei Michaela im Geschäft die Ladenglocke, und Leo rief freudig: „Mittagspause, schöne Verkäuferin“.
Michaela zog sich schnell eine Jacke über, schloß ihren Laden ab, und beide gingen Arm in Arm in ein schönes Restaurant.
Nachdem sie gegessen und ihr Getränk geleert hatten, sagte Leo traurig zu ihr: „Michaela, ich muß für ein paar Tage geschäftlich ins Ausland, wir können uns also die nächste Zeit nicht treffen, aber ich werde mich sofort bei dir melden, sobald ich wieder hier bin“.
Traurig schaute sie ihn an, nickte nur und wollte am liebsten anfangen zu weinen.
„Es werden für mich sehr lange Tage sein“, flüsterte sie und sah verschämt auf den Boden. „Ich bemühe mich so schnell wie möglich wieder hier bei dir zu sein“, sprach er beruhigend auf Michaela ein, denn er hatte wohl bemerkt wie unglücklich sie war. Er nahm sie in die Arme und küßte sie zärtlich auf ihren roten Mund.
Der Abschied fiel den beiden sehr schwer, und als sie wieder allein in ihrem Schuhladen war, kam sie sich einsam und verlassen vor.
Damit ihr die Tage schneller vergehen sollten, verabredete sie sich mit ihrer Freundin Petra. Die bemerkte bald, daß Michaela etwas bedrückte und ließ so lange keine Ruhe, bis sie von ihrer Bekanntschaft mit Leo und ihrer großen Liebe zueinander erzählte.
„Gutaussehender Mann“? fragte Petra kreidebleich, „schwarze Haare, roter Sportwagen, Name Leo Berg“?
Petra sprang auf und griff sich eine der Zeitschriften, die immer für die Kunden griffbereit lagen und blätterte wie besessen darin herum. Als sie eine bestimmte Seite gefunden hatte, zeigte sie diese der verstörten Michaela und schrie aufgeregt: „Sieht er so aus oder ist er es sogar“?
„Ja“, stotterte sie, „das ist er“!
„Weißt du denn nicht, in wen du dich verliebt hast“, rief Petra fassungslos, „er heißt nicht Leo Berg, sondern Prinz Leopold von Bergen und ist der Sohn unseres Königs“.
Michaela wurde es schwarz vor Augen und sie wußte nicht, ob sie weinen oder lachen sollte.
„Eine Schuhverkäuferin und ein Prinz“, dachte sie sich, „so etwas gibt es nur im Märchen. Solch eine Beziehung kann und darf nicht sein, denn eine Bürgerliche wird niemals die Frau eines Prinzen werden können.“.
Von nun an ging es der Michaela sehr schlecht. Wenn sie sich des nachts ins Bett legte, träumte sie von ihrem Prinzen Leopold, und wenn sie morgens erwachte, war ihr Kopfkissen feucht von all den Tränen, die sie um ihre große Liebe weinte.
Es vergingen genau vierzehn Tage, als sie in ihrem Briefkasten eine Einladung zu einem Fest im Königshaus erhielt. Es sollte ein großer Ball zu Ehren des Prinzen, zu seinem vierundzwanzigsten Geburtstag gegeben werden.
Michaela war unsicher und wußte nicht, obwohl sie sich freute, wie sie sich verhalten sollte, und rief ihre Freundin Petra an.
Diese kam sofort und überschüttete sie mit gutgemeinten Ratschlägen und versicherte ihr, daß sie überzeugt sei, daß Michaela auf jeden Fall der Einladung zum Ball folgen sollte. 
„Nur so kannst du sehen, ob er es ehrlich mit dir meint oder ob alles nur ein kurzer Traum war“, ermahnte sie ihre Freundin und schmiedete Pläne, welches Kleid, welchen Schmuck und wie die Frisur und Haarfarbe von Michaela auszusehen hätte.
„Du mußt schöner sein als jede andere Königin“, träumte sie ihre Phantasien weiter und bot sich an, für alles weitere zu sorgen.
Am Festtag hatten Petra und ihre Freundin allerhand zu tun. Zuerst färbte Petra Michaelas Haare in ein wunderschönes Kupferrot, trug ihr Wangenpuder, Lidschatten und den passenden Lippenstift auf, ließ sie in ein geliehenes Abendkleid aus Seide, Samt und Brokat schlüpfen und behängte Manuela mit allen Schmuck, den sie nur auftreiben konnte.

„Schau nur, wie du aussiehst“, jubelte Petra, „du siehst so schön aus, daß selbst ein Pfau auf dich neidisch werden könnte“.
Michaela besah sich im Spiegel und erkannte sich nicht wieder. Sie sah aus, als wenn eine Prinzessin aus einer fernen Welt vor ihr im Spiegelbild stand.
„Wenn das nur gut geht“, sagte Michaela zweifelnd und bedankte sich bei ihrer Freundin für alle ihre Bemühungen, bestellte sich ein Taxi und ließ sich in Richtung Schloß zu ihrem geliebten Prinzen fahren.
Als sie die breiten Treppen zum Schloß hinaufstieg, überkam sie eine große Angst und wäre am liebsten umgekehrt, aber sie ging mutig Schritt für Schritt weiter.
Die Dienerschaft half ihr aus dem Mantel und geleitete sie in Richtung Ballsaal, der festlich geschmückt war. Überall standen große Blumengeflechte, und tausende von Kerzen erhellten den Raum. Viele vornehme, von hohem Adel und festlich gekleidete Menschen füllten den Festsaal, und als sie eintrat, wurde sie von vielen neugierig und fragend gemustert.
Sie sah sich suchend nach Leo um und erblickte ihn, ungeduldig wartend und nervös auf und ab gehend, unter all den vielen Leuten.
Langsam ging sie auf ihn zu, und ihre grünen Augen strahlten vor Glück und Freude, ihn nach so langer Zeit wiederzusehen.
Als sie kurz vor ihm stand dachte sie, der Boden öffnet sich unter ihren Füßen und wollte sie verschlingen.
Der Prinz sah sie zwar an, aber sein Blick bohrte sich durch sie hindurch, dann wendete er sich von ihr ab und verließ mit traurigen Augen den Saal.
Fluchtartig, völlig verzweifelt und weinend verließ sie die Festlichkeiten und fuhr so schnell es ihr möglich war mit dem nächsten Taxi nach Hause.
Dort angekommen, zog sie ihr Ballkleid aus, legte den Schmuck beiseite und wusch sich die Farbe aus dem Gesicht und ihren Haaren.
Unglücklich und total verstört warf sie sich auf ihr Bett und ließ ihren Tränen freien Lauf.
„Was habe ich mir nur dabei gedacht“, fragte Michaela sich selbst, „eine Verkäuferin verliebt sich in einen Königssohn, wie lächerlich. Er wollte mich nicht einmal mehr erkennen und hat sich aus Scham von mir abgewandt“.
Diese Nacht schlief die unglückliche junge Frau erst am frühen Morgen ein.
Es vergingen nur wenige Tage, als der rote Sportwagen vor ihrem Geschäft hielt.
Leo stieg aus und ging geradewegs auf ihren Laden zu. Als er die Ladentür öffnete, zitterte Michaela am ganzen Körper und wäre am liebsten davongelaufen. 
„Warum hast du meine Einladung nicht angenommen und bist nicht zu meinem Geburtstag erschienen“, fragte der Prinz Michaela und sah sie mit solch traurigen Augen an, daß es ihr bald das Herz gebrochen hätte.
„Ich war dort, aber du hast mich nicht einmal begrüßt, sondern bist fortgegangen und hast mich stehen lassen in all meiner Verzweiflung“, weinte sie und erzählte ihm von all den Bemühungen, die sie und ihre Freundin Petra auf sich genommen hatten, um sich für ihn herauszuschmücken, und daß dieser schöne Abend zu ihrem unglücklichsten Tag in ihrem Leben wurde.
„Ich habe auf dich gewartet, den ganzen Abend, habe dich aber nicht gesehen, geschweige denn erkannt. Warum hast du dich hinter solch einer Maske versteckt“? wollte Leo wissen und forderte sie auf ihm zu folgen.
„Stelle dich hier vor den Spiegel und schaue dich an“, sagte liebevoll der Prinz und faßte sie zärtlich an ihren Schultern.
„Nun stehst du hier, ohne künstliche Farbe im Gesicht und Haar, kostbaren Juwelen und ohne dein festliches Gewand, aber was sehe ich? Ich kann es dir sagen. Ich sehe deine Augen, die wie zwei Smaragde strahlen, deine Zähne, die, wenn du mich anlachst, schöner sind als die kostbarsten Perlen auf dem Meeresgrund, dein Haar, das in der Sonne wie pures Gold glänzt, deinen Mund, der roter ist als der schönste Rubin der Welt und deine Haut, die keiner der teuersten und edelsten Stoffe ersetzen kann. Und genau in diese Person habe ich mich verliebt. Deine natürliche Schönheit und Art hat mir mein Herz geraubt, und deshalb möchte ich dich fragen, ob du meine Frau werden möchtest“?
Michaela glaubte in diesem Moment der glücklichste Mensch auf Erden zu sein und willigte unter Freudentränen ein.
Schon bald darauf wurde die Hochzeit von Prinz Leopold von Bergen und ihrer königlichen Hoheit Michaela, wie man sie von nun an nannte, bekanntgegeben.
Heute ist sie die Königin der Herzen, die durch ihre natürliche Schönheit und ihren Liebreiz die Herzen aller Menschen eroberte.


Ende

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